Kriegszeit in Lössel

Bis dahin schaute der Vater mit traurigen Gefühlen zu Erichs Kletterbuche, von deren Spitze herab immer noch die Kette hing, die Erinnerung an den Sohn. Eine Zeitlang hielt er dem stand, bis er im nächsten Winter zu Axt und Säge griff, die Leiter an den Stamm stellte, hinaufkletterte, sich anseilte und am Kronenbeginn den Mittelast mit der aufstrebenden Spitze absägte.

Die Seitenäste sind seitdem erstarkt. Sie versuchen beim Wachsen, Spitzenfunktion zu übernehmen und bildeten so einen Astkelch. Auf dieser Sägestelle im Kelchgrund sammelte sich immer das Regenwasser und bewirkte in den ca. 50 Jahren eine tief in den Stamm sich bohrende Fäulnis.

Wie lange sie noch den Stürmen standhält, weiß ich nicht. Für uns Emberger ist sie ein „Denkmal“ und sollte es auch für alle Vorbeiwandernden sein. Sie mahnt uns alle, daß Frieden im Land und in der Welt ein hohes Gut ist und wir alle dazu beitragen sollen.
1. Nachtrag: Bald nach Erichs Beerdigung merkten wir, daß außer uns jemand ganz besonders um ihn trauerte, denn bis zum Herbst stand jede Woche ein Strauß frischer Blumen auf seinem Grab; wahrscheinlich hingestellt unter Einhaltung einer stillen Zwiesprache, vielleicht verbunden mit einem Gebet. Es geschah immer zu einer Zeit, wo keiner von uns oder Bekannten und Verwandten es hat beobachten können. Es blieb ein Geheimnis um diese Zuneigung.

2. Nachtrag: War es wirklich Erich, den wir zu Grabe getragen haben?
1970 teilt uns der Volksbund deutscher Kriegsgräberfürsorge mit, daß sie Unterlagen hätten, wonach Erich auf einem Dortmunder Friedhof beerdigt sein solle. Sie baten ums um Angaben von Erichs unveränderlichen Merkmalen, vor allem das Gebiß und die Knochen betreffend, damit sie ihn bei Graböffnungen sicher zuordnen könnten, weil bisher kein Name auf Grabplatten gefunden worden sei. Sie waren zufriedengestellt, als sie meine Angaben über die stattgefundene Beerdigung in Lössel erhalten haben, obwohl es keiner bestätigen kann, da der Sarg ja nicht mehr geöffnet werden konnte. Mutter und Vater lebten zu diesem Zeitpunkt nicht mehr.

3. Nachtrag: Wo ist mein Bruder in Lössel beerdigt?
Auf dem Friedhof steht Erichs Name am Ehrenmal eingemeißelt bei den im Krieg 1939-45 „Gefallenen“. Die Ruhestätte Breuker Fleischer wird man vergeblich suchen. Die 5-Grabstellenanlage lag am unteren Hauptweg an der linken Seite zwischen den Grabstellen Berghammer und Grote. Hier steht hinter einem Zypressenbusch z. Zt. noch das 1914 aufgestellte Denkmal. Nach Ablauf der Ruhezeit meines Vaters, der als Letzter hier beigesetzt wurde (30 Jahre nach dem Beerdigungstag) soll am 20.7.1990, laut Schreiben des Herrn Stadtamtmanns E. aus planerischen Gründen das Nutzungsrecht nicht wiedererworben werden können. Auf telefonische Nachfrage wird mir mitgeteilt, daß diese Gräber aus betriebstechnischen Gründen, die maschinelle Grabaushebung betreffend, nicht mehr belegt werden können. Selbst wenn in der Zeit bis 2013 für unsere Erbgruft eine weitere Belegung in Auftrag gegeben würde, müsse es seitens der Stadt abgelehnt werden. Unter dem Versprechen, daß dieses Stück parkähnlich bleiben würde, habe ich die Einwilligung zum Abräumen von Denkmal und Mauerwerk gegeben. Wenige Monate nach diesem Gespräch mußte ich feststellen, daß man ca. Zweidrittel der Umrandung weggeräumt und diese Fläche als Zweier-Grabanlage eingerichtet hatte, wovon ein Grab neubelegt war, allerdings in anderer Grabrichtung, heute Grabstätte der Eheleute Kubis. Gerade diese Fläche hätte meiner Ansicht nach nicht neubelegt werden dürfen. Mir war in Erinnerung aus der Zeit, da ich als Gartenbaugehilfe auf dem Katholischen Friedhof in Letmathe mit Grabaushubarbeiten beschäftigt war, daß eine 3fache Belegung nicht stattfinden sollte, solange andere Flächen vorhanden sind. Bei uns war aber Mutters Liegestelle schon im Grab meiner Urgroßmutter, gerade da, wo es jetzt neubelegt war. Nicht alle Familienangehörigen denken so wie wir, daß es sich bei den Gräbern um irdische, aber nicht um ewige Bleibe handelt, und können dieses Geschehen nicht entschuldigen. Z. B. ein weit über 90zig Jähriger hatte Sorge, daß so etwas mit seinen Gräbern auch passieren könnte, da in Dahlsen der Friedhof auch in Verwaltung der Stadt ist. Auf Erichs Grab steht nun ein Denkmal, unter anderem mit Aufschrift Kapitänleutnant i.R. Nun, auf Erden ist scheinbar keine vollkommene Gerechtigkeit und Verständnis bei den Behörden zu erwarten. O. g. Beamter hat sich bei mir entschuldigt, als ich ihn nach seinem Ausscheiden aus dem Dienst in der Stadt getroffen habe und wir den Sachverhalt noch einmal erörtert haben. Der Herr Jesus hat meine verstorbenen Angehörigen auf Erden begleitet und sie aufgenommen in sein himmlisches Reich. Dieser Glaube, der sie getragen hat, trägt auch uns.

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors.

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