Kriegszeit in Lössel

Als der Leichenwagen vom Friedhofseingang aus bergauf fuhr, mußten die Pferde kräftig ziehen, so daß der Wagen ruckelte. Jetzt floß aus Erichs Sarg, der aus einfachen Brettern zusammengezimmert war, trübe, wäßrige Flüssigkeit, so lange, bis der ebene Weg zur Grabstätte erreicht war. Seine Kameraden nahmen den Sarg vom Wagen, trugen ihn zum Grab und senkten ihn still hinein. Der Fahnenträger hat dann noch gemächlich mit seiner Fahne über dem Sarg gewedelt. Dann traten sie vom Grab zurück, und Pfarrer Herbers konnte mit der Trauerfeier beginnen. An diesem offenen Grab konnte nun eine große Trauergemeinde ihre Trost- und Glaubenslieder singen, den Worten der Heiligen Schrift zuhören, beten und sich und Erich segnen lassen. Das war die Trostbotschaft für ein ganzes Dorf, deren Bewohner überwiegend ein baldiges Ende dieses Krieges herbeisehnten. Zum Schluß folgte dann der Nachruf durch die Firmenleitung von Erichs Arbeitsstätte.

Erich_Fleischer_Todesanzeige

Viele ältere Lösseler können sich sicher noch besser als ich oder vielleicht auch anders als ich an diesen Tag erinnern. Vielleicht standen sie mit ihm Spalier oder waren mit am Grab, wissen aber nicht oder unvollständig, wie es zu diesem Planungsablauf gekommen ist. Lössel sollte eben, meiner Meinung nach, in diesen Zeiten ein Zentrum nationalsozialistischer Schul- und Erziehungspolitik sein, bei der andersdenkender Elternwille nicht gefragt war, besonders nicht derer, die aus christlicher Überzeugung anders dachten. Nachdem Pfarrer Herbers die Trauerfeier beendet hatte und wir noch einmal auf Erichs Sarg schauten, auf dem nun Blumen und etwas Erde lagen, gingen wir mit den Familienangehörigen und Nachbarn zum Emberg, Frau Gericke, die Frau unseres unvergessenen Pfarrers Hans Martin Gericke, der im gleichen Jahr noch beim Militär umgekommen ist, hatte uns ein Heftchen überreicht: „Evangelische Rüstung wider den Tod“. Darin schrieb sie: „Was wir bergen in den Särgen ist der Erde Kleid. Was wir lieben, ist geblieben, bleibt in Ewigkeit.“ Diese Gedanken begleiten uns auf dem halbstündigen Weg zum Beerdigungskaffeetrinken. Hier konnten alle bei den Gesprächen ihren Meinungen freien Lauf lassen. Hier in der Abgeschiedenheit, weit weg vom Dorf, wo vielleicht gleichzeitig parteiintern noch ein paar Bierchen geflossen sind, wurden aber auch keine Hochrufe auf den Führer Adolf Hitler mehr ausgesprochen. Hier, auf dem Emberg, konnte man sich Mut zusprechen und gemeinsam der Meinung sein, daß das „Tausendjährige Reich“ wohl doch nicht mehr zu lange währen konnte, da die Truppen an einigen Stellen schon Rückzugsgedanken hatten. Zwei Jahre später war es dann soweit, der Friede und damit der Aufbau konnte beginnen.

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