Kriegszeit in Lössel

Vater, bekannt als Gegner nationalsozialistischer Ideen, und Mutter als schlichte Christin, die sich nie in den Vordergrund stellte, sondern sich als Gottes Werkzeug zur tätigen Nächstenliebe in dieser Welt verstand, wollten eine Beisetzung, wie sie im Dorf üblich war: im Kreis von Nachbarn, Verwandten und Bekannten, unter dem Glockengeläut der alten Schulglocke, mit dem im Trauerzug vorangehenden Pfarrer.

Ich habe meine Mutter begleitet auf dem Weg zum Pfarrhaus in die Kluse nach Iserlohn und bin beim Gespräch mit Pfarrer Herbers dabei gewesen. Pfarrer Herbers, der nach der Einberufung von unserem Gemeindepastor Gericke zum Wehrdienst zuständig war, erwartete von der Mutter, daß sie den Veranstaltern in Lössel mitteilt, daß außer von ihm von keinem andern eine Ansprache am Grab gehalten wird, nur noch ein Nachruf, wie sonst auch üblich, von der Geschäftsführung der Firma Schlieper, andernfalls er die Beerdigung nicht leiten würde. Mutter ließ sich stärken von dem Bibelwort der Jahreslosung 1943: Man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen. So verhandelte sie erneut mit den Gremien in Lössel. Die hatten zwar so etwas schon geahnt, waren aber keinesfalls erfreut darüber, da ja nicht die planmäßige Vorbereitung in allen Teilen zurückgenommen werden konnte, zu, viele Gruppen von H. J., Jungvolk und B. D. M. waren schon aktiviert, am Sonntag in Uniform nach Lössel zu kommen.

Warum wollten die dafür Verantwortlichen aus H. J. und N.S.D.A.P. in Lössel „ihrem Helden“ eine solch aufwendige Ehre erweisen? Vielleicht weil sie die Gelegenheit wahrnehmen wollten zu zeigen, wie ehrenvoll jemand gewürdigt wird, der wie Erich und auch viele andere Lösseler Jungen und Mädchen „ihr Blut“ für „Großdeutschland“ und „für ihren Führer Adolf Hitler“ zu opfern bereit waren. Eine Gelegenheit wie bei Erich, in seinem Heimatdorf beigesetzt zu werden, bot sich nicht oft. Was sich dann am Sonntagnachmittag in Lössel abspielte, ohne daß es der erklärte Wille meiner Eltern war, sei hier erzählt.

Als wir am Sonntagnachmittag den Klassenraum betraten, hielten an beiden Seiten des Sarges H. J.-Kameraden in Uniform die Ehrenwache. Sie trugen auch nachher den Sarg zum Leichenwagen und später zum Grab. In dem Schulraum kondolierten die Vertreter der Gemeinde, der H.J. und der Partei. Hier hielten sie auch ihre Ansprachen und sangen mit den Jugendlichen ihre Lieder, die sie nun nicht, wie geplant, vom Friedhof aus ins Tal erschallen lassen konnten. Dann schritten wir unter dem Schein der warmen Maisonne hinter dem Leichenwagen zum Friedhof. Die Schulglocke läutete. Mutter und Vater nahmen mich, den 11jährigen, zwischen sich. Von der Schule bis zum Friedhof standen beiderseits der Straße Kinder und Jugendliche des Jungvolks, des B. D. M. und der H.J.

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