Kriegszeit in Lössel

Da saßen wir nun, Großmutter, Vater, Mutter, unser Landjahrmädel Anita und ich unter Großmutters Schlafzimmer im muffig, feuchten, kalten Keller und dachten an Erich und all die vielen Menschen, die jetzt getroffen werden könnten. Mutter faltete die Hände und betete still für ihren Sohn.

Als es wieder ruhiger wird und die Sirenen (die nächste zu uns war auf Helmerings Dach installiert im Pillingser Bachtal) den anhaltenden Entwarnungston signalisierten, gehen wir alle wieder zu Bett; aber Schlaf finden die Eltern in dieser Nacht und auch den kommenden Nächten kaum. Am Montag wurde die Nachricht vom zerstörten Soldatenheim fernmündlich zu unserer Information mitgeteilt. Die über dem Bunker zusammengebrochenen Teile des Soldatenheimes würden zügig weggeräumt, es werde aber befürchtet, daß der Eingangsbereich zum Bunker zerstört sei und ein neuer Zugang gebrochen werden müßte. Am Dienstag teilte die o. g. Behörde mit, daß berechtigte Hoffnung bestehen könnte auf Überlebende, da man aus dem Inneren Klopfzeichen wahrgenommen habe. Es bestehe aber die Gefahr, daß durch Wasserrohrbrüche der Raum überflutet würde. Am Mittwoch teilt man uns mit, daß keine Merkzeichen mehr nach außen drängen, der Keller unter Wasser stehe und es keine Überlebenden mehr geben könnte. Für den Donnerstag werden alle Angehörigen der Jungen nach Dortmund bestellt, um die Leichen sofort zu identifizieren. Erich ist um 11.00 Uhr freigelegt worden. Mein Vater fährt am Donnerstag dorthin und bittet uns und alle Fragenden unter verbittertem Gesichtsausdruck um Verständnis, daß er über das Aussehen von Erichs Körper nie und niemandem etwas sagen wird; das hat er bis zum Tod auch nicht getan. Er brachte die Todesanzeige von der Kriminal-Polizeidienststelle Dortmund mit. Es ist ihm aufgetragen, dafür zu sorgen, daß die Beisetzung wegen des anhaltenden schönen Maiwetters so bald wie möglich stattfinden solle. Da für Samstag die Überführung der Särge geplant ist, eine Aufbahrung, wie sonst üblich, im Elternhaus nicht stattfinden kann, besprechen meine Eltern die Durchführung der Beerdigung am Sonntag mit den zuständigen Stellen der Gemeinde Lössel. Da keine Leichenhalle vorhanden ist, soll Erich im verschlossenen Sarg in seinem ehemaligen Schulraum aufgebahrt werden. Am Samstag hält ein Lastwagen, beladen mit den sterblichen Überresten der Hitlerjungen, die jetzt aber, da sie schon im Soldatenheim waren, als Soldaten gelten und den Heldentod gestorben sind, bei der Wirtschaft Eckstein auf dem Roden, um sich nach der Fahrtrichtung zu erkundigen. Ulrich Freese steht dort und gibt dem Fahrer nicht nur Auskunft, sondern fährt mit zur Schule und gibt so als erster unserm Erich schon letztes Geleit.

Hier war unser Erich von April 1931 bis März 1939 als immer lebensfroher, fröhlicher Junge zur Schule gegangen. Auf diesem Schulhof hatte er, wie viele andere mit ihm, im Jungvolk und später in der H. J. gelernt strammzustehen, anzutreten, die Hacken zusammenzuschlagen, beim Kommando „Rührt euch“ den rechten Fuß vorzusetzen und bei „Weggetreten“ nach Hause zu gehen. Sport und Spiele in den Stunden zwischen den Kommandos waren für ihn eine Freude. Nun wird er hier die Schultreppe hinauf getragen und in dem Schulraum aufgebahrt, nachdem die Schultische und Bänke beiseite geräumt waren. Ganz Lössel weiß inzwischen von seinem tragischen Ende und trauert und fühlt mit unserer Familie den Schmerz, besonders mit unserer Mutter. Sie hat alles als von Gott gelenkt angenommen, in dem Bewußtsein, daß er Erich in sein himmlisches Reich aufgenommen hat und uns allen auch weiterhilft. Trost und Wegweisung hat sie sich und uns in Liedern zugesungen:

Befiehl du deine Wege
und was dein Herze kränkt,
der allertreusten Pflege des,
der den Himmel lenkt.

Der Wolken, Luft und Winden
gibt Wege, Lauf und Bahn,
der wird auch Wege, finden,
da dein Fuß gehen kann.

In diesem Glauben hatte auch unser Erich gelebt: und er war so neben den von mir beschriebenen Aktivitäten immer tätig in der Evangelischen Christuskirchengemeinde in den Jugendgruppen. Als Kindergottesdiensthelfer hat er allsonntäglich seiner Kindergruppe die biblischen Geschichten erzählt, jeden Samstag trug er als Schuljunge, wie ich nach ihm, das Sonntagsblatt in die Ortsteile Roden,Lössel ins Pillingser- und Saattal. So konnten wir bei der Beerdigungsplanung es nicht verstehen, daß inzwischen seitens der H. J.-Führung und der N.S.D.A.P-Ortsgruppenleitung die Vorbereitung für eine Art „Staatsbegräbnis“ anlief.

Erich_Fleischer_1943

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