Kriegszeit in Lössel

Das zweite Thema war die Vorbereitung und die Abfahrtzeit zum Soldatenheim vom Iserlohner Westbahnhof zum Hauptbahnhof Dortmund. Einige Eltern der 35 Hitlerjungen aus dem unteren Sauerland hatten beim Oberst Löbbecke im Wehrbezirkskommando an der Gartenstraße angefragt, ob es nicht ausreichen würde, am Montag in Frühe zur Tauglichkeitsprüfung nach Dortmund zu fahren, da doch die Zugfahrt nur eine Stunde dauere und man so den. Gefahren der nächtlichen Fliegerangriffe ausweichen könne, die auf die Ruhrgebietsstädte in letzter Zeit zugenommen hatten. Man hatte kein Einsehen, es blieb bei der geplanten Fahrt am Sonntagnachmittag. Erich packte am Sonntagmorgen noch ein paar Reise-Utensilien zusammen. Er verabschiedete sich und ging über den alten Kirchweg in Richtung Grüne zur Straßenbahn.

Vom Westbahnhof Iserlohn fuhren 35 junge Männer frohgestimmt nach Dortmund. Die warme Maisonne schien durch die Abteilfenster und ließ keine gedämpfte Stimmung aufkommen. Alle waren hoffnungsfroh, die Prüfung zu bestehen. Vom Dortmunder Bahnhof ging es in Richtung Innenstadt, vorbei an einigen zerbombten Häusern. Als Flieger würden sie bald mithelfen können, diese Bombergeschwader zu stoppen. Sie meldeten sich im Soldatenheim und bezogen ihr Quartier. Am Abend erlebten sie zum ersten Mal, wie zum Zapfenstreich geblasen wurde: „Soldaten müssen zu Bette gehen, der Hauptmann hat’s gesagt“. Nun sagten auch Sie sich gegenseitig „Gute Nacht“ und krochen in ihre Etagenbetten.

Bald darauf werden sie aus dem ersten Tiefschlaf gerissen. Die Sirenen heulen, es ist Luftalarm. Oft schon hatten wir in der letzten Zeit zum Alarm unser Haus am Emberg verlassen, waren an den Hang unter die Buche gegangen, hatten über den Schälk in Richtung Dortmund geschaut, wo die sog« Christbäume am Himmel standen und den feindlichen Bombern den Weg ins Ruhrgebiet zeigten, wo sie mit dem Abwerfen der Bomben die Waffen produzierende Industrie und die Transportwege der Reichsbahn zerstören sollten. Über uns grollten die Bombergeschwader. Scheinwerfer leuchteten vom Boden aus, um in ihren Lichtkegeln feindliche Flugzeuge sichtbar zu machen, damit sie von Flugabwehrraketen oder von den Bordkanonen der Jagdflugzeuge abgeschossen werden könnten. Heute hofften wir, daß Erich sicher in einen Luftschutzkeller kommen und den Angriff unbeschadet überleben würde. Er selbst lief zu dieser Zeit über die Flure und Treppen des Soldatenheimes in den Luftschutzkeller. Einer der Hitlerjungen hatte seine Wolldecke vergessen und lief noch einmal zurück in sein Zimmer. Als er dann später über den Innenhof den Schutzraum erreichte und die Tür öffnete, wird er von einer Luftdruckwelle zurück geschleudert nach außen auf den Hof. Als er aus seiner Besinnungslosigkeit wieder erwachte, konnte er nicht ahnen, daß er der einzige Überlebende sein sollte von den 35 Hitlerjungen und von allen anderen, die in dem Bunker waren. Es waren nämlich zwei Bomben schweren Kalibers auf ein und denselben Punkt des Luftschutzraumes gefallen und detoniert. Zur Beruhigung der Eltern hatte noch das Wehrbezirkskommando Iserlohn diesen Schutzraum als besonders sicher dargestellt.

Über uns flogen immer neue Angriffswellen heran. Wir hatten Angst, es könnte ein Bomber seine Last zu früh ausklinken und uns treffen. So gingen wir in unseren Kellerraum, den unser Vater durch Stützung der Deckenbalken mit Eichenstämmen glaubte einsturzsicher gemacht zu haben. In das Bruchsteinmauerwerk hatte er ein Loch gebrochen und mit einer Stahlplattentür gesichert, die man von innen öffnen konnte. Es war der Notausstieg.

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