Kriegszeit in Lössel

Weiteres Training erfuhr er in der Betriebssportgruppe. Es fand statt im heutigen Steinbruchstadion Grüne, gleich gegenüber seiner Lehrwerkstatt. Seine Kraft ließ er auch gerne durch den Vater oder andere bei der Arbeit auf‘ unserem Kotten bewundern. Es war schon eine große Anstrengung, wenn er sich zwischen die beiden Holme der zweirädrigen sog. „Toag’kar“ spannte, die immer bei Stellmacher Gerdsmann im Pillingser Bachtal geliehen wurde. Im Laufschritt zog er die leere Karre bis zum Kohlenhändler Röttger, so daß wir jüngeren Embergjungen Mühe hatten mitzukommen. Beladen mit 3 Zentnern Steinkohle, zog er die Karre allein über das Steinpflaster bis zur Dechenhöhle, erst von da an durften wir mitschieben bis zum Emberg, wobei immer wieder Pausen eingelegt wurden, aber ohne Zwischenmahlzeiten; wer seinen Durst stillen wollte, trank klares Bachwasser. An der sehr starken Steigung von dem Haus Kreft an wurde alle paar Meter gepaust. Wir mußten dann immer dicke Steine hinter die Holzräder legen. Für solche Transporte wurde kein Pferdefuhrwerk gemietet, das machte Erich schon. Auf diesen Sohn war der Vater besonders stolz, es war sein Lieblingssohn, wenn er auch schon mal seine Kraft an sich selber zu spüren bekam, Erich bremste ihn, wenn er bei gelegentlichem Alkoholrausch unserer Mutter Gewalt antat, z. B. als er so heftig auf die Gesichtsseite schlug, daß sie einen Trommelfellschaden behielt. Er schützte sie, wenn er nur konnte. In seiner Buche hat er gesessen und über seinen Lebensplan nachgedacht und dann Vater und Mutter mitgeteilt, daß er sich zur Luftwaffe freiwillig melden wollte, damit er später nicht, bei der Einberufung zur Wehrmacht bzw. zu einem anderen Truppenteil gezogen würde.

Der Vater lehnte einen Freiwilligenantrag, den er ja unterschreiben mußte, ab. Er war so alt wie Erich gewesen, als er in den Ersten Weltkrieg ziehen mußte und im Granathagel auf den Schlachtfeldern in Frankreich stand, oder besser gesagt mehr schutzsuchend lag und in nassen Schützengräben hockte. Auch im Zweiten Weltkrieg hatte man ihn erneut mit 43 Jahren noch eingezogen, wo er in Frankreich Dienst tat, bis er nach einigen Monaten von seiner Firma Berg reklamiert wurde, um wichtiges Wehrmachtsgut, nämlich Feldbetten, herzustellen, von denen man in den Lazaretten reichliche Mengen brauchte. Meine Mutter konnte sich auch nicht leichtherzig mit dem Gedanken einer Freiwilligenmeldung anfreunden, sie hatte nämlich gleich in den ersten Kriegstagen 1914 ihren einzigen Bruder verloren. Aber sie legte ja wie immer alle Geschehnisse in Gottes Hand und würde so auch Erichs hoffnungsvollem Wunsch nicht im Weg stehen,

Vater hingegen hatte die Ohnmacht erlebt, die die gesamte Natur und alle Kreaturen erlitten, wenn aus den Flugzeugen die Bomben regneten. Das sollte sein Sohn nicht mitmachen. Vater und viele seiner Verwandten, Bekannte und Arbeitskollegen, die dem herrschenden Staatsregime ein baldiges Regierungsende wünschten, glaubten, als im Januar/Februar 1943 die Befestigungsringe um Stalingrad von sowjetischen Truppen durchbrochen wurden, daß der Krieg nun in absehbarer Zeit beendet sein könnte. Auch wenn noch viele ideologisch in die Irre geführte Menschen dem Reichspropagandaminister Goebbels antworteten auf seine Frage: „Wollt ihr den totalen Krieg?“, „Ja, wir wollen ihn!“, so wollte der Vater keine indirekte Unterstützung dieses verbrecherischen Regimes seitens seiner Familie durch seine Unterschrift. Angeblich wurde er aber von den Behörden so beeinflußt, daß er Angst hatte vor „Mittel und Wege“ gegen ihn, die er dann bereut hätte. – Vielleicht, daß man ihn selbst noch einmal eingezogen hätte. –

Der Vater unterschrieb unter starkem Gewissensdruck. Erich war glücklich. Er fährt erst einmal in ein Wehrertüchtigungslager nach Aachen. Hier erhält er das Schreiben der Vorladung zur Vorauslese (Fliegertauglichkeitsprüfung), die am 24.5.1943 stattfinden soll. Mutter hatte ihm dieses Schreiben nachgesandt. Er durfte am Sonnabend vorzeitig aus diesem Lager nach Hause fahren. Ich sah ihn zuerst, fröhlich, ja glücklich den Nachbarwiesenhang herauf eilen. Es war Spätnachmittag, ich habe gerade Castor und Filerio, unsere beiden Ziegenböcke am Wiesenhang in der Nähe seiner Lieblingsbuche gehütet. Er zeigt mir ein Plakat, worauf ein militärischer Panzerangriff dargestellt war, mit einer Ringscheibe in der Mitte. Er wies stolz auf die vielen Einschüsse, die er im mittleren Bereich erzielt hatte. Dann ging er zu den Eltern und der Großmutter ins Haus. Ein Gesprächsthema an diesem Abend war die Frage, ob unser Bruder, Sohn und Enkel Heinrich noch lebe und wo er dann in Gefangenschaft sein könnte. Eine Nachricht war nicht eingetroffen. Er war Soldat in Nordafrika, wo der Krieg am 12. Mai 1943 zu Ende ging.

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