Kriegszeit in Lössel

Am eindringlichsten haben sich mir die legendären Geschichten eingeprägt, die die Buche erzählen kann, die oberhalb der Schmiede steht:

Kerzengerade gewachsen mit einer steil aufragenden Krone, schaute sie einst vor fast 60 Jahren auf ihre beiden Schwestern herab. Ihre weit sichtbare Spitze streckte sich wie ein Turm zum Himmel.

Blick_Kletterbaum1

Als Einziger von uns kletterte mein Bruder Erich, der damals 17 Jahre alt war, gern durch ihre Äste bis zur Spitze hinauf. Er konnte dann weit ins Land schauen, bei entlaubten Bäumen im Südwesten den Honsel und die Höhen von Veserde sehen. Nach Norden ließ er dann den Blick am Horizont entlang zum Ostfeld gleiten, dem Übergang von Letmathe nach Hohenlimburg. Weiter nördlich sah er den Schälk, die Dröscheder Hardt und östlich die Emst, Ackenbrock und Alexanderhöhe und den Danzturm. Nach Süden wurde der Blick gebremst durch den bewaldeten sogenannten Ossenberg am Weg nach Lössel.

Vielleicht träumte er dann, er könnte, wenn er ein Vogel wäre, über die Felder im Tal fliegen, über die silbern dahingleitende Lenne, über Pater und Nonne, den Burgberg, die Schledde, Sonderhorst und Wäpenschledde, über Letmathe, Grüne, Oestrich und Dröschede. Er sah, wie der Bussard mit seinen weit ausgebreiteten Schwingen weite Kreise zog, im Sturzflug zu Boden sank, um sich gleich wieder auf Windeswogen im Aufwind zu den Wolken, zum blauen Himmel empor tragen zu lassen. Es den Vögeln gleichtun, fliegen können, das war sein Traum!

Er ging in die Modellfliegerbastelgruppe.

Blick_Kletterbaum2

Sperrholzgerüste wurden angefertigt, Flugzeugrumpf, Flügel, Schwanz mit Seitenflügeln leimte man aneinander und bespannte sie mit Pergamentpapier. Oft gehorchte ihm der Wind nicht, oder die Obstbäume stellten sich seinem Flugzeug in den Weg, sie wurden beschädigt. Er reparierte, bastelte andere Modellflugzeuge, stelle sie erneut auf die Probe, ob sie ihm jetzt gehorchten; er war unermüdlich, die Flugzeuge von unserer Hangwiese aus gleiten zu lassen. Er überlegte, ob er wohl Segelflieger werden könnte, dabei wäre man aber weiter beim Gleiten auf Wind und Wetter angewiesen. Im Motorflugzeug würde er mit Hilfe der Triebkraft zielgerichtet wie der Bussard durch die Lüfte schweben, das blieb sein Wunsch..

Dazu muß ein Flugzeugführer absolut schwindelfrei sein. Diese Schwindelfreiheit prüfte er immer wieder in seiner geliebten Buche. Er brachte sich von der Kettenfabrik Schlieper, wo er als Kettenschweißer beschäftigt war, eine lange Kette mit und befestigte sie an der Spitze. Nun konnte er auf alle seitlichen Kronenäste klettern, es war wie in einem Zirkuszelt. Er vergewisserte sich so immer wieder seiner Schwindelfreiheit. Sein Entschluß verfestigte sich immer mehr: Ich will Flieger werden.

Erich war ein kräftiger junger Mann, der sein sportliches Können in der Schule und im Lösseler Sportverein unter Beweis stellte. Auch in der Hitlerjugend ließ er sich zu persönlichen Höchstleistungen trimmen, wobei er die weniger „Starken“, wie es oft üblich war, nicht verhöhnte oder hänselte.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.