Kriegszeit in Lössel

Von Bäumen und Menschen – eine Kriegszeit in Lössel

von Werner Fleischer

Vom Ort Lössel führt in nordwestlicher Richtung, als Verlängerung der Lösseler Straße, ein Fahrweg zum Sportplatz. Am Ortsende zweigt ein Weg zum Emberg ab, vorbei am Fernsehumsetzer bis zur Besitzung, die früher die Hausnummer 56 des Ortes Lössel hatte. In diesem Haus auf dem Kotten meiner Eltern Anna und Erich Fleischer bin auch ich an einem kalten Novembertag 1931 geboren. Die Hebamme Frau Segreff war meiner Mutter behilflich, wie sie es auch schon bei meinen älteren Brüdern gewesen war. Allerdings mußten meine Mutter und ich uns eine gewisse Zeit gedulden, weil vorher noch im Nachbarort Gerd Kohlhage auf die Welt geholt werden mußte.

Seit ich mich dann richtig auf den Beinen bewegen konnte, waren meine Spielräume Feld, Wiesen und Wald. Während dieser Zeit standen schon drei dicke Buchen am Rand der Besitzung. Wie Torpfeiler standen zwei davon rechts und links an der Einfahrt. Sie dienten als Grenzmarkierung. Die weit ausladenden Zweige gaben sich gewissermaßen die Hände und wirkten so wie Torbogen Sie schützten die Schmiede und das Wohnhaus samt Stallungen vor starken Westwinden, wenn diese vom Pillingsertal aus über die schöne Heidefläche tobten. lm Herbst schüttelten die Winde das gelbbraun gefärbte Laub und die wertvollen Bucheckern von den Zweigen. Aus den von uns Kindern fleißig aufgesuchten Bucheckern wurde in Notzeiten Öl gepreßt. Das Laub ließen wir trocknen und verwendeten es dann bei der Kuh Liese als Stallstreu, wenn kein Getreidestroh mehr vorhanden war. Vor einigen Jahren ist die untere Torpfeilerbuche bei einer Sturmböe abgebrochen und umgefallen; ein langsam vor sich hinfaulender Baumstumpf ist übrig geblieben. Unser Nachbarbesitzer, auf dessen Grund der Baum stand, hatte dadurch ein paar Wochen gutes Brennholz. Einem weiteren Grenzbaum, der alten Wildkirsche, erging es ebenso. Der alte „Glockenapfel“, die Birnen „Gute Luise“ und „Zuckerbirne“ wie die reichtragende Knappkirsche, alles Bäume meiner frühen Kindheit, sind nicht mehr. Bis auf die o.g. Buchen haben meine Vorfahren auf ca. 18000 qm nach und nach die Bäume gefällt und den Boden durch Rodung urbar gemacht, so daß Ackerland, Wiesen und Weiden und Garten entstehen konnten.

Die Wurzeln der oberen Torpfostenbuche hatten nicht alle Platz im steinigen Untergrund und lagen verzweigt oben auf dem Boden. Zwischen ihnen waren Nischen und Höhlen entstanden. Für uns Embergkinder waren es Zimmer und Ställe für Mensch und Tier. Mit Moospolstern ausgelegt als Fußboden und Betten aus Rinden. Zweige über die Wurzeln gelegt, waren die Dächer. Unsere Hunde haben uns immer dabei zugeschaut, erst ein Schäferhund, dann ein Spitzrüde, den wir auch „Spitz“ nannten, und später unsere „Elfi“, eine „Spitzin“, die aber eher zugeschaut hat, wenn wir unsere Baumbude bestiegen, die wir zwischen im Dreieck stehenden Eichen errichtet hatten, natürlich auch mit einem Toilettenloch für „alle Fälle“. Hier bin ich einmal sitzenderweise etwa drei. Meter tief gefallen. Ich landete im weichen Graspolster mit der Kniekehle auf einem querliegenden Baum, ohne besonderen Schaden zu nehmen.

Unsere Lieblingskletterbäume waren aber die Obstbäume zur Erntezeit, besonders die Kirschen und Pflaumen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.