Die Dechenhöle

Als um den 11. Juni 1868 – das genaue Datum ist nicht bekannt – ein Eisenbahnarbeiter am Südhang des Sonderhorstberges im Grünertal seinen Hammer in einen schmalen Felsspalt fallen liess, war dies der Startschuss für eine der atemberaubendsten Höhlenentdeckungen in Deutschland. Der Dichter des Westfalenlieds Emil Rittershaus (1834-1897) war nicht der einzige prominente Zeitzeuge, der sich von der Schönheit der neuen Höhle in der Grüne beeindrucken liess. Johann Carl Fuhlrott (1803-1877), der Forschungspionier und Entdecker des Neandertalers, schilderte seinem Freund, dem Naturwissenschaftler Prof. Carl Vogt (1817 – 1895) folgendes: „…diese neue Höhle übertrifft an Schönheit der Tropfsteingebilde, an Zahl der Kammern und gewölbten Säle Alles, was bis jetzt noch entdeckt wurde, und darf sich in dieser Beziehung den bekanntesten und besuchtesten (Höhlen) kühn an die Seite stellen!“. Auch schwärmte Fuhlrott von der Lage der Höhle inmitten einer Landschaft mit prächtigen Felsgruppen, die man die „westfälische Schweiz“ nennen könnte! Der „Mönch und die Nonne seien die hervorragendsten dieser Felsen“. Fuhlrott liess in den Bodenschichten der neuen Höhle verschiedene Schürfe anlegen und identifizierte die zahlreichen ausgegrabenen eiszeitlichen Tierknochen.

Schon etwa einen Monat nach der Entdeckung war ein Führungsweg durch den vorderen Teil der Höhle angelegt und im gleichen Jahr besichtigten bereits einige tausend Menschen das unterirdische Zauberreich der neuen Höhle in der Grüne. Heinrich von DechenAls der Geologe und Oberberghauptmann Heinrich von Dechen (1800 – 1889) am 14. August 1868 zum ersten Mal in Begleitung des Anthropologen Prof. Schaaffhausen die neuentdeckte Tropfsteinhöhle besuchte, äußerten die weitgereisten Forscher den Wunsch, dass „dieses herrliche Naturwunder durch alle Mittel vor zerstörerischen Händen bewahrt werde!“ Von Dechen regte an, eine „durch Schwemmgebilde verstopfte Seitenschlucht“ als bequemeren seitlichen Zugang zur Höhle zu öffnen. Im November 1868 gab Prof. Karl Vogt bei seiner Höhlenbesichtigung der neuen Höhle den Namen „Iserlohner Höhle“. Erst Anfang 1869 verlieh die Bergisch-Märkische Eisenbahngesellschaft als Höhleneigentümerin dann den Namen „Dechenhöhle“ zu Ehren des hochverdienten Oberberghauptmanns Heinrich von Dechen. Die größten Verdienste zur Erforschung der Dechenhöhle gebühren allerdings Johann Carl Fuhlrott, der bereits 1869 einen „Führer zur Dechenhöhle“ veröffentlichte und in seinem Büchlein über die „Höhlen und Grotten in Rheinland-Westphalen“ zahlreiche geologische und paläontologische Fakten zur Entstehung unserer Höhlen zusammentrug, die bis heute Gültigkeit haben. Das Heft enthält auch einen ersten Plan der Dechenhöhle, der durch den Eisenbahnbaumeister Sebaldt erstellt wurde und etwa 280 m Gänge enthält. Auch der berühmte Arzt und Abgeordnete Rudolf Virchow (1821 – 1902), der sich gegen Fuhlrotts Ansprache des Neandertalers als frühe Form des Menschen stellte, bemerkte zum „wunderbaren Tropfsteinschmuck“ der Dechenhöhle, dass er sich „mit höchstem Vergnügen einige Stunden darin bewegt habe.“

Nach der anfänglichen Forschungsbegeisterung ließ das wissenschaftliche Interesse an der Dechenhöhle aber schnell nach und der Tourismus nahm seinen Aufschwung: 1869 kamen bereits mehr als 30.000 Besucher, 1890 waren es bereits 45.000.Johann Carl Fuhlrott Die ersten Besucher wurden von Eisenbahnarbeitern bei Fackel- und Kerzenbeleuchtung durch die Höhle geführt. Um eine Verrußung der Tropfsteine zu vermeiden, beleuchtete man die Höhle ab 1871 mit Fettgas, das in einer eigenen Gasanstalt vor dem Höhleneingang produziert wurde. 1890 installierte die Bahn als eine der weltweit ersten Höhlen eine elektrische Beleuchtung.
1910 wurden unter Beteiligung des von Dr. Benno Wolf (1871 – 1942) gegründeten Rheinisch-Westfälischen Höhlenforschungsvereins in Elberfeld neue Höhlenteile entdeckt, die ab 1921 bis zu dem heutigen Ausgang erschlossen wurden. Der Landrichter Wolf war einer der Mitbegründer des Hauptverbandes deutscher Höhlenforscher und wurde 1942 aufgrund seiner jüdischen Abstammung im KZ Theresienstadt ermordet. 1912 suchte der Lehrer und Heimatforscher Heinrich Kleibauer (1882 – 1973) die neuen Höhlenteile auf und veröffentlichte 1926 eine erweiterte Beschreibung der Dechenhöhle, die bis in die 1980er Jahre in leicht veränderter Form nachgedruckt wurde.

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