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Zeitenwende
/ Wendezeit Lössel am 16. April 1945, die Amerikaner sind da
von
Otto Winner
Man kann nicht gerade sagen, daß das Lössel der
vierziger Jahre ein quierliger Ort gewesen sei, nein, es ging sehr
geruhsam zu. Schließlich war ja auch Krieg.
So recht munter wurde es im Dorf erst, als das
Kriegsende nahte. Die Amerikaner hatten den Ruhrkessel gebildet und
darin lag auch Lössel.
Daß der Kessel immer enger gezogen wurde, merkte
man daran, daß immer mehr Fahrzeuge, besetzt mit Soldaten, den Weg
ins Dorf fanden. Auch an den Wegen rundherum und in den Wäldern
standen sie. Alle möglichen
Einheiten hatten sich mittlerweile versammelt.
Es war schon fast Sommer im April 1945, die Sonne
brannte unbarmherzig vom Himmel und die Soldaten begannen ihre
Mäntel und andere wärmende Uniformteile wegzuwerfen. Wenn sie geahnt
hätten, welches Wetter und welches schlammige Elend später als
Gefangene auf den Rheinwiesen auf sie zukamen, hätten sie bestimmt
lieber weitergeschwitzt.
Im Dorf selbst war ein unentwegtes Hin- und
Herlaufen, wahrscheinlich auch bedingt durch die Ungewißheit. Was
mag jetzt kommen?
Mir fiel immer wieder ein Hauptmann der Luftwaffe
auf. Das auch schon deshalb, weil er im Gegensatz zu allen anderen
eine Khaki-Jacke, also die Uniform des Afrika-Corps trug.
Ausgezeichnet war er mit dem EK I., und darüber trug er das Goldene
Parteiabzeichen, das sogenannte „Kuhauge“. Er war also ein „Alter
Kämpfer“, eines der ersten 100.000 Parteimitglieder, und gehörte
offenbar zum Stab des Chefs der Flakdivision (Flak =
FlugzeugAbwehrKanone), der sich aus Dortmund nach Lössel verkrümelt
hatte.
Am 16. April war es dann soweit: die Amis rückten
in Lössel ein, so um die Mittagszeit. Meine Mutter schickte mich
noch eilig ins Dorf: in Wessels Laden gäbe es noch was. Als ich aus
der Quiete kommend, auf die Lösseler Straße einbog, kam da von unten
ein amerikanischer Soldat, er gehörte offenbar zu den Soldaten, die
die Häuser nach versteckten deutschen Soldaten überprüft hatten. Er
sprach mich auf deutsch an und wir unterhielten uns bis zum Eingang
des Friedhofs. Dann peitschte ein Schuß und der Soldat hob sein
Gewehr und warf sich am Rande der angrenzenden Wiese in Deckung; es
blieb jedoch alles ruhig. Später hörte man dann, daß sich beim
Zerschlagen eines deutschen Gewehres durch einen US-Soldaten dieser
sich einen Bauchschuß zugezogen hatte.
Bei den Amerikanern herrschte wegen des Schusses
helle Aufregung. Sie
hatten, wie auch in den folgenden Wochen immer wieder feststellbar,
unwahrscheinlich Angst vor dem „Werwolf“, jener
Nazi-Partisanengruppe, von der Goebbels immer wieder schwadroniert
hatte. Verständlich war es allerdings, hatten diese doch den von der
Besatzung in Aachen eingesetzten Bürgermeister überfallen und
erschossen.
Ich zog allein die 100 m weiter ins Dorf. Am
Anfang des Dorfes, bei „Schuster Ditz“, fütterten amerikanische
Soldaten von ihren Autos herunter Lösseler Kinder mit Süßigkeiten.
Ich stand neben einer Gruppe deutscher Soldaten, die sich gerade
erzählten, daß die deutschen Parlamentäre, die die Unverfrorenheit
(oder war es Dummheit?) besessen hatten, mit einem amerikanischen
Beuteauto, einem Jeep, mit weißer Flagge von Lössel nach Letmathe zu
Übergabeverhandlungen zu fahren, dort in Schwierigkeiten mit
amerikanischen Soldaten gekommen seien. Diese hätte ihnen den
erbeuteten Jeep wegnehmen wollen, was aber US-Offiziere verhindert
hätten.
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Generalmajor Friedrich Römer,
Kommandeur der 22. Flakdivision, verlässt sein
Stabsquartier in Lössel und geht in
amerikanische Kriegsgefangenschaft |
Ich hatte mich vormittags schon gewundert, denn
hatte ich doch ein Fahrzeug mir unbekannten Typs mit wehender weißer
Flagge die Straße hinunterfahren sehen. Nun kannte ich den
Zusammenhang. Übrigens hatte ich draußen gerade den Siegern
möglicherweise verfängliche Bücher verbrannt. Doch die
interessierten sie garnicht, wie ich dann erfuhr. Sie schauten in
den Häusern nur nach wehrtüchtigen Männern. Und natürlich hatten wir
auch das Bild unseres „heißgeliebten Führers“ von der Wand genommen,
das ja für jede deutsche Wohnung obligatorisch war. Wir hatten ihn
mal „aufgehängt“, um der Wiederholung
unliebsamer Fragen aus dem Weg zu gehen; nichts taten wir nun
lieber als das.
Den Jeep übrigens konnte man später noch jahrelang
ausgebrannt an einer Straßenkurve im Oberdorf
liegen sehen; nach der Rückkehr hatte man ihn in Brand
gesetzt, getreu dem Motto „Rache ist süß“. Der Krieg war mit dieser
Tat aber dann doch wohl nicht mehr zu gewinnen.
Bei Wessels war für mich nichts mehr zu holen; die
Amis gingen da ein und aus, aber auf dem Platz beim Gasthof Breuker
war eine Menschenmenge. Ich also hin! US-Kameraleute waren
versammelt und hantierten mit Beleuchtungslampen. Der
Flak-Kommandeur, Herr Generalmajor Römer wurde standesgemäß in
Gefangenschaft geführt. Amerikaner und Deutsche schauten zu.
Der Lösseler Willi Echtermann übrigens, der in USA
in Gefangenschaft war, erzählte mir später, daß er in Arizona im
Gefangenenlager diese Aufnahmen aus seiner Heimat gesehen hätte.
Und da war auch wieder der Hauptmann mit der
Khaki-Jacke. Auch er schaute den Filmaufnahmen zu. Aber was sahen
meine Augen? Das EK I. war an seinem angestammten Platz; das
„Kuhauge“ jedoch war verschwunden!
Der „Alte Kämpfer“ hatte begriffen, daß die Zeit
für diesen „Orden“ abgelaufen war!
In meinem Gedächtnis gekramt….
Die Zeit nach dem Einmarsch der Amerikaner am 16. April 1945 war
für mich schon aufregend und interessant. Die Soldaten der
Wehrmacht aus allen möglichen Truppenteilen hatten zuletzt ja alles
weggeworfen oder zerstört. Auch hatten sie ihre beladenen Autos
verlassen, um die sich nun die Einheimischen kümmerten. Ich stand z.B.
am Vorabend des Einzugs der Amis in einem LKW, in dem sich Kisten mit
Dosenfleisch befanden. Die beförderte ich nun nach draußen und es fand
sich für jede ein Abnehmer und wenn nicht ein guter Freund aufgepaßt
hätte, wäre ich anschließend ohne Kiste nach Hause gegangen. Diese
Kisten wurden natürlich dank der deutschen Propaganda sofort im Garten
vergraben, weil man ja glaubte, die Amis würden sie einem sofort
wegnehmen. Natürlich interessierten die sich aber überhaupt nicht
dafür.
Wir, mein Freund Rudolf Schüngel und ich, waren
April/Mai fast jeden Tag in den Wäldern rund um Lössel und darüber
hinaus bis fast zum Wixberg unterwegs. In den Wäldern oberhalb des
Dorfes fanden wir ca. 15-20 fabrikneue 3-to-Ford-Lastwagen mit
Allradantrieb, die zur Organisation Todt, einer Hilfseinheit der
Wehrmacht gehörten. Sie hatten lediglich ca.340-350 km auf dem Tacho
und waren fahrbereit. Andere Militärautos waren total demoliert. Was
wir besonders suchten, waren deutsche Armeepistolen der Typen P 08 und
P 38. Dafür hatten wir einen besonderen Abnehmer, der auf dem Roden
bei den dortigen Amerikanern stationiert war und einen großen
typischen Dreiachser-LKW der Amis fuhr. Alle paar Tage kam er damit
nach Lössel und schaute, ob wir wieder was gefunden hätten. Wir
bekamen dann für eine Pistole einige Päckchen Chewing Gum, eine Dose
Ananas oder Süßigkeiten. Diese Pistolen waren dann später sicherlich
im „Untergrund“ Amerikas zu finden. Die Amerikaner hatten auf dem
Roden die Häuser rund um die Wirtschaft Eckstein (heute „Putte“)
besetzt und kontrollierten mit ihren Jeeps von dort aus die Umgebung.
Zu diesen Häusern gehörte auch die Villa Breuker, die nach dem Abzug
der Amis Anfang Juni von den neuen englischen Besatzern übernommen
wurde. Dort war eine englische Einheit mit hohen Offizieren
stationiert, die mit großen „Humber“-Kommandowagen in ganz Deutschland
die Absturzorte englischer Bomber aufsuchten und über den Verbleib der
Besatzungen recherchierten.
Auf dieser Internetseite befindet
sich auch der Bericht „Himmelfahrt 1945 auf dem Emberg bei Lössel“
meines Freundes Werner Fleischer. Das was er über das
Vierlingsgeschütz auf dem erbeuteten US-Fahrzeug – dort abgebildet –
berichtet, ist auch uns – Rudolf Schüngel und mir – passiert. Ich
kletterte auf den Wagen, sah am Geschütz eine leuchtende Lampe und
drückte darauf. Eine Geschoßgarbe peitschte los und dann zogen wir
schnell die Köpfe ein und verzogen uns in Richtung Lössel. Hundert
Meter weiter begegneten uns zwei Frauen, die unsere Ballerei wohl
mitbekommen hatten und uns nun vorwurfsvoll erklärten, sie würden das
sofort den Amerikanern melden. Daraufhin gingen wir dann noch
schneller.
Diese Zeit des Herumlaufens dauerte jedoch für mich
nicht lange. Ich war bei Heuer-Hammer seit einem Jahr in der Lehre und
diese Firma war ja Hauptzulieferer des Bergbaus und der mußte nicht
nur im Krieg, sondern auch sofort danach wieder rundlaufen. Nach
wenigen Wochen war meine Abenteuerzeit vorbei.
Otto Winner
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors.
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