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Fahrrolle |
Es gab nicht viele, die nach 45 mobil waren. Wir Kinder der Letmather Jahnstraße waren es, dank unserer „Karren“. Sie bestanden aus den Heeresbeständen der „Nachrichtentruppe“ oder so ähnlich. Es waren Traggestelltypen für Kabeltrommeln (wie hier im Bild) die nach dem Zusammenbruch in den
Wäldern zu finden waren und die wir Kinder in einen fahrbaren Untersatz verwandelten.
Diese Mutter aller Karren wurde schnell bekannt. Die notwendigen Gestelle konnten wir uns schnell und problemlos im Wald „besorgen“. Ein Brett war auch bald „organisiert“ und dann ging’s ans Basteln und bald zeigte sich, was ein 11 jähriger so zuwege bringt. Das Schwierigste war dann aber, ein Loch in Gestell und Brett (mittels Holzbohrer, Hammer und Körner) zu bohren, (heute hätte ich dazu vier Handbohrmaschinen mit einem Arsenal an Bohrern). Damit wurde die Karre erst lenkbar. Mit vielen rostigen Nägeln, Draht von einem Weidezaun und einem Keilriemen aus einem Lastwagen habe ich es irgendwie geschafft. Aus einem Königstiger, von denen 4 oder 5 auf der Grürmannsheide hintereinander in einem Waldweg standen baute ich mir den Fahrersitz aus, der sogar noch den echten Lederbezug besaß. Endlich stand sie da, meine Karre.
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Gestell für die Hinterachse |
Zuerst brauchte ich noch Zugkräfte für den Prüflauf, Männe Lutz und Karl Heinz Schlüsener rissen sich darum, mich sooft ums Haus zu ziehen bis ich mich mit den anderen auf die Schwerter
Straße wagte. Wir waren letztendlich ein Rudel von 3-4 Karren, die vom Schälk herunter um den „Weltrekord“ fuhren. Mühsam war nur der Aufstieg, aber es gab sehr oft eine sogenannte Aufstiegshilfe in Gestalt eines
Lastwagens.
Die damaligen Lastwägen waren durchwegs Vehikel mit Holzvergaser, deren Geschwindigkeit im Bereich unserer flinken Beine lag. So ein Getüm kündigte sich schon unten an der Ecke von Liesen Fritz durch fürchterliches Getöse an, das in keinem Verhältnis zur erreichten Geschwindigkeit stand. Wir standen gestaffelt im Abstand von 10m am rechten Straßenrand. Ich, da der Schnellste, war der Erste und musste meine Zugleine um irgendetwas schlingen, wie Nummernschild, Rückleuchten, Anhängerkupplung oder was sich so fand. Der Nächste in der Reihe bekam schon Tipps für seinen Haken, oder hing sich an meine Karre an. Wenn unsere Schleppseile hielten, hingen wir nun alle an dem Laster. Das merkte der Fahrer natürlich und schaute böse in den Rückspiegel, öffnete bedrohend die Fahrertüre und fluchte uns an, anhalten war für ihn jedoch unmöglich (gemacht hat das jedenfalls keiner), die Kupplung hätte das Anfahren am Berg wahrscheinlich nicht geschafft. So blieb den armen Fahrern, es waren vielfach Kriegsversehrte oder Alte, nicht viel übrig als mit uns zusammen den Schälk zu erreichen. Einmal war einer allerdings noch so gut drauf, dass er nicht nur die Fahrertür öffnete, sondern sogar heraus sprang. Der Laster fuhr inzwischen weiter. Wir ließen schnell unsere Seilschlinge los und suchten das Weite nach unten, während er sich sputete, sein Führerhaus wieder zu erreichen. Das Erlebnis hat uns von künftigen Transfers nach oben zwar nicht abgehalten, es hat unsere Wachsamkeit aber erheblich geschärft. Wenn uns einer zu sportlich erschien, ließen wir den einfach passieren, es kam schon wieder ein anderer, wenn auch nicht so häufig.
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Gestell für die Vorderachse |
Jetzt zum Rennen: Oben angekommen wurde Aufstellung genommen. Alle nebeneinander. Auf ein Kommando schoben Fahrer und Beifahrer los. Der Start (wie beim Bob) war schon die halbe Miete und dann ging’s ungebremst mit einem Höllenlärm hinunter. Vornüber gebeugt, wegen des Luftwiderstandes. Ich glaube, ich könnte jetzt noch mit verbundenen Augen hinunterkommen. So weiß ich auch noch sehr genau um die gefährliche erste Rechtskurve, die gefährlichste überhaupt auf der ganzen Strecke. Diese Kurve hatte es insbesondere deshalb so in sich, weil die Fahrbahn in der Mitte stark gewölbt war. Wir versuchten sie auf der Ideallinie zunehmen, was auch mal misslang, denn die Reibung einer Eisenspule auf Asphalt ist nicht sehr bedeutend. Aber es galt trotzdem das Motto: „Wer bremst, verliert!“ Der Lenkvorgang wurde noch dadurch erschwert, weil wir mit einem Ohr nach vorne horchen mussten, ob sich etwa ein Auto näherte, denn die Kurve war auch noch schlecht einsehbar. Ausweichen ging dann nicht mehr und es musste gebremst werden was das Zeug hielt und das waren unsere Sandalen aus Autoreifen. Wenn der Bremsvorgang misslang, flogen wir im hohen Bogen geradeaus in den Graben. Meist hat es aber geklappt und der Sieger hat oft auf den Letzten recht lange warten müssen, denn das Feld kam immer weit auseinandergezogen an. Die Schlüsselstelle war eben die besagte Rechtskurve, wie man sie nahm und die Geschwindigkeit mitnahm für Teile der Strecke mit weniger Gefälle. Ziel war auf Höhe der Schwerterstraße 20, da ab hier die Straße gepflastert war. Zwei Rennen pro Tag waren oft drin.
Mir ist bekannt, dass es auch in Genna solche Karren gab. Da ich leider kein Foto davon habe, suche ich auf diesem Wege jemand, der noch ein solches besitzt.
Gerhard Lapp E-Mail: lappgero@gmx.de
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Zeichnung eines Rennkarrens |