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Auszüge aus dem Buch
"Letmather
Bürger erinnern sich
an die Zeit von 1930 bis 1945"
von Alois Grusemann
Die Letmather Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP)
Diese Partei, deren Führung so viel Unheil und Leid über Deutschland
und die ganze Welt brachte, wurde in Letmathe erst im September 1930
gegründet.
(vgl. Heinrich Brinkmann, S. 63)
In den Letmathe umgebenden Städten und Ortschaften entstanden die
Ortsgruppen schon Mitte der 20er Jahre. Ganz früh wurde in Oestrich
die NSDAP gegründet. Unter den ersten 100 Parteimitgliedern des
gesamten Reiches befanden sich zwei Oestricher Bürger.
(vgl. Trotier St. Kilian Seite 287).
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Einführung und Vereidigung des Gemeinderates Letmathe am
8. Feb. 1935 |
Fest steht jedenfalls, dass die Gemeindevertreter in Letmathe durch
staatliche Verordnungen recht rücksichtslos an die Macht kamen. Der
gesamte Gemeinderat bestand ab Mai 1933 nur noch aus Parteigenossen
der NSDAP. Die konnten von nun an schalten und walten, wie sie es
wollten. Gesetze und Verordnungen wurden nur noch im Sinne der
Partei befolgt. Die politische Vergewaltigung der Bürger nahm ihren
Anfang und setzte sich in noch viel grausameren Ereignissen fort.
Ob diese Ratsmitglieder auch alle Mitglieder der SA waren, konnte
ich nicht erfahren. Einer von den braunen Parteivertretern des Rates
soll aber zu den Rädelsführern der Nazis gehört haben, die bereits
ab 1931 an den Auseinandersetzungen und Schlägereien mit den
Kommunisten teilnahmen. So wurde mir mehrfach berichtet.(...)
Diese braunen Herren, die von Ordnung und Sauberkeit sprachen,
waren auch die Vorgänger der heutigen Graffiti-Sprayer. Sie
beschmierten schon im Jahre 1932 die Einfassungsmauer des
Kiliansdomes mit Hakenkreuzen. So hat Pfarrer Heimann jedenfalls in
der damaligen Kirchenzeitung berichtet.(...)
(...) Am 1.7.1933 beschlagnahmte die Polizei das Eigentum mehrerer
kirchlicher Vereine. Am Nachmittag des gleichen Tages wurden von der
Polizei Vereinsfahnen beschlagnahmt und von den Personen, die sich
schon damals für Übermenschen hielten, im Triumphzug zum Rathaus
gebracht.
Etwa zwanzig Beamte, die den neuen Letmather Machthabern nicht
genehm waren, wurden aus dem Beamtendienst entfernt.
Der bisherige Bürgermeister Pöggeler musste 1933 nach falschen
Anschuldigungen seinen Posten abgeben. So wurde sein Platz für ein
verdientes Parteimitglied frei.
Am 08.09.1933 wurde der Hitlergruß eingeführt. Nicht nur die Schüler
mussten das neue Hoheitszeichen, das Hakenkreuz, durch Heben der
rechten Hand grüßen. Auch beim Singen bestimmter Lieder musste die
rechte Hand erhoben werden.
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Marsch
der SA 1933 auf der Hagener Straße |
Im April 1934 wurden Hitlerbilder eingeführt. Am 20. April mussten
sie mit Kränzen geschmückt werden. Von diesem Zeitpunkt an mussten
alle Gebäude am Geburtstag des „genialen Führers“ mit Fahnen
geschmückt werden. Rektor Brinkmann von der Westschule wurde am
27.08.1934 seines Amtes enthoben. Er wurde Lehrer an der Ostschule.
Lehrer Ringbeck, einziger Laien-Bezirkspräses der Kolpingfamilie,
wurde, weil er dieses Amt nicht aufgeben wollte, nach Eickelborn
strafversetzt. Sein Nachfolger wurde Lehrer Böhmer.
Schon im August 1934 sollten die Kreuze und Lutherbilder aus den
Jugendherbergen entfernt werden. In den Schulen wurden die
kirchlichen Symbole vorerst über die Türen gehängt. Hinter das
Lehrerpult musste das Bild des eingebürgerten Österreichers gehängt
werden. Der hatte erst auf Antrag der Stadt Braunschweig die
deutsche Staatsbürgerschaft erhalten. Ab dem 22.06.1939 wurden dann
mit der Einführung der Gemeinschaftsschule alle kirchlichen Symbole
aus den Schulgebäuden entfernt.
Etwa 1934 begannen einzelne
Letmather Bürger damit, die Predigten in der Kilianskirche
aufzuschreiben. Einzelne Geistliche wurden wegen ihrer Predigten und
des Einflusses auf die Jugend zur Gestapo nach Dortmund bestellt.
Dort machte man ihnen klar, wie sie sich in Zukunft zu verhalten
hatten. Einigen Geistlichen wurde auch die Erlaubnis entzogen,
Religionsunterricht an den Schulen zu erteilen.(...)
Das NSDAP-Standesamt
Auch das Letmather Standesamt musste im Auftrage des
Reichsgesundheitsamtes Merkblätter für Eheschließende verteilen:
Nachweis der Reinheit des Blutes (Rassenreinheit) ist durch Deine
Geburtsurkunde und die Heiratsurkunde Deiner Eltern meist
ausreichend zu erbringen. Über die Rassenzugehörigkeit und die
Religion der Großeltern musst Du aber auch unterrichtet sein.
Verlasse Dich im Zweifelsfalle nicht auf mündliche Aussagen und
Meinungen, sondern beschaffe Dir genaue Unterlagen (Geburts- und
Heiratsurkunden der Großeltern). Sei immer eingedenk der
Verantwortung, die Du auch in dieser Beziehung Deinen Kindern und
Deinem Volke gegenüber trägst.
Unterrichte Deinen Verlobten oder Deine Verlobte von den
Ermittlungen über die Rassenzugehörigkeit und das Ergebnis der
ärztlichen und erbärztlichen Befragung.
Das Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre
vom 15. September 1935 sieht Zuchthausstrafen für eine Eheschließung
zwischen Juden und Staatsangehörigen deutschen oder artverwandten
Blutes vor.
Die Letmather Juden
Auf dem ehemaligen großen Letmather Stadtgebiet lebten noch bis etwa
Anfang 1939 zwei jüdische Familien. Es waren die Familien Meyberg und
Koppel. Die Männer hatten im 1.Weltkrieg gedient und beide hohe
Orden erhalten. Beide Familien waren Besitzer eines Textilgeschäftes
und zählten zu den wohlhabenden Bürgern. Sie waren in die Letmather
Bürgerschaft eingegliedert. Vor der Machtergreifung der Nazis saßen
sie mit späteren Nazis regelmäßig am Stammtisch. Sie halfen vielen
armen Bürgern der Stadt.
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Plünderung der Wohnung der Eheleute Meyberg durch die SA |
Die Familie Meyberg wohnte zuerst in dem Hause an der Hagener
Straße, wo heute das Lebensmittelgeschäft Plus ist. In diesem Haus
war auch das Textilgeschäft. Mein Informant erinnert sich noch
besonders gerne an diese Familie. Zur Nikolauszeit stellte diese
Familie immer einen Sack mit kleinen Tüten auf, die Leckereien
enthielten. Diese Tüten wurden von Herrn Meyberg an die
vorbeigehenden Kinder verteilt.
Später zog die Familie in das Haus, in dem heute der Friseur
Rittmeier seinen Friseursalon hat. Dort hatten sie in den unteren
Räumen ihr Geschäft.
Die Familie Koppel wohnte gegenüber der Gaststätte „Zum Scharfen
Eck" (Steinschulte).Von dieser Familie berichtete ein Lehrer
Folgendes: Ein katholischer Bischof mit Namen Gockel besuchte die
Kirchengemeinde St. Kilian. Zur Begrüßung fertigte Koppel ein großes
Transparent, auf dem geschrieben stand: „Der Jude Koppel begrüßt den
Bischof Gockel". Aus diesem Bericht ist zu erkennen, dass es ein
gutes Miteinander gegeben haben muss. Das Haus der Familie Koppel
kaufte später der Friseur Deges.
Als am 1.April 1933 von den Nationalsozialisten zu einem Boykott der
jüdischen Geschäfte Ärzte- und Rechtsanwaltspraxen aufgerufen wurde,
kauften zu Anfang noch viele Letmather weiter in beiden Geschäften.
Unter den Käufern waren auch noch spätere Nazigrößen. Erst als
Wachen aufgestellt wurden, die die Namen der Besucher der Geschäfte
aufschreiben mussten bzw. sie am Betreten der Verkaufsräume
hinderten, hielten sich auch die Letmather mit dem Einkauf zurück.
Es war der 10. November 1938, als Hohenlimburger SA-Männer unter
Leitung eines Akademikers mit einem dreirädrigen Kleintransporter in
Letmathe eintrafen und bei beiden Familien die Möbel in den
Wohnungen zerschlugen und aus den Fenstern warfen. Außerdem
zerstörten sie die Fensterscheiben, nicht nur der Wohnungen, sondern
auch der Geschäftsräume. Die in den Regalen liegenden Waren wurden
zum Teil geplündert oder mit Messern zerstochen. Einige Letmather
sahen bei dieser sinnlosen Zerstörungsorgie zu. Der Fotograf Fritz
Ley machte ein Foto. Ihm nahm man damals den Apparat ab. Wie es ihm
trotzdem gelang dieses Foto zu machen, bleibt sein Geheimnis.Die SA-Männer hatte man zuvor aus den Betrieben abkommandiert. Sie
durften sich Vorschlaghämmer und sonstiges Werkzeug von den Firmen
entleihen. Außerdem bekamen sie von den Betrieben die Ausfallstunden
für das Zerstörungswerk noch bezahlt. Das wurde in einem
Gerichtsprozess vor dem Schwurgericht beim Landgericht in Hagen im
Jahre 1949 festgestellt, (vgl. Hermann Zabel, „Hohenlimburg unter
dem Hakenkreuz" Seite 365.)
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Plünderung der Wohnung der Eheleute Meyberg durch die SA |
Ob Letmather SA-Männer auch in anderen Städten zu dem sinnlosen
Zerstörungswerk eingesetzt waren, konnte mir keiner der von mir
befragten Zeitzeugen, sagen, Frau Meyberg hat trotz des Leides, das
man ihrer Familie zugefügt hatte, zerstochene Bekleidungsstücke und
zerstochene Wäsche im Dunkeln zu armen Familien in Genna gebracht
und an sie verschenkt,
Ein weiterer Informant, der damals neun Jahre alt war, berichtete
mir, dass Herr Koppel seinen Stresemann angezogen hatte. Er hatte
das EK I und das EK II angelegt. Seine Hände waren von der Nazihorde
mit einer Ziegenkette auf dem Rücken gefesselt, als er durch die
Stadt bis zum Bahnhof geführt wurde. Dort wurden ihm die Fesseln
abgenommen. Nun musste er die Möbel, die man bei Meybergs aus dem
Fenster geworfen hatte, von der Straße räumen. Viele Kinder waren
bis zur Brücke mitgegangen. Als mein Informant nach Hause kam und
das Erlebte seinen Eltern erzählte, bekam er wegen des Erzählens von
falschen Geschichten Hausarrest. Seine Eltern hatten bis zu diesem
Zeitpunkt von der Zerstörungsorgie noch nichts mitbekommen. Nachdem
sie aber von der Schandtat gehört hatten, wurde der Hausarrest
wieder aufgehoben.
Der Sohn der Familie Meyberg soll bereits vor dem Krieg nach
Südamerika ausgewandert sein. Auch die zwei Söhne der Familie Koppel
sollen bereits vor der Machtergreifung von ihren Eltern nach Amerika
zum Studium geschickt worden sein.
Es ist Krieg
Am 27. August 1939 wird im Deutschen Reich die
Bezugsscheinpflicht eingeführt. Nährmittel, Heizmaterial und
Kleidung können nur noch gegen Berechtigungsschein eingekauft
werden. Ab 4. September 1939 wird ein Kriegswirtschaftsgesetz
verabschiedet. Es regelt die Handhabungen für die
Zwangsbewirtschaftungen und zusätzliche Kriegssteuern. Die
Benzinversorgung wird mit Bezugsscheinen geregelt. Private
Kraftfahrzeuge dürfen nur noch in Ausnahmefällen benutzt werden. Die
Fahrzeuge müssen dann besonders kenntlich gemacht werden.
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Deutsche
Wehrmacht auf der Hagener Straße |
Ab 21. September 1939 kann ein normaler Bürger nur noch Waren gegen
die Abgabe von Lebensmittelmarken bzw. Bezugsscheinen in den
Geschäften bekommen. Die Menschen in Deutschland merken durch die Einschränkungen, auch
fern von den Kampfgebieten, dass Krieg ist. Schon am 20. November 1939 wird anstelle der Bezugsscheine eine
Kleiderkarte für den Bezug von Textilien nach einem Punktesystem
eingeführt.
Mit dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Polen begann am 1.
September 1939 der Zweite Weltkrieg. Heute ist bekannt, dass die für
den Einmarsch angegebenen Gründe erfunden waren. Auch in
Letmathe-Oestrich waren schon viele junge Männer zu den
verschiedensten Waffengattungen eingezogen worden.
Der Polenfeldzug ging aber schnell zu Ende. Am 6.
Oktober 1939
teilte Hitler in einer Reichstagsrede mit, dass bis zum 30.
September beim Feldzug gegen Polen 10.572 deutsche Soldaten
gefallen, 30.322 verwundet waren und 3.409 vermisst wurden. Durch
die Kapitulation Polens am 27.September war der Feldzug schon
beendet.
Trotz dieser schrecklichen Zahlen meldeten sich auch weiterhin, auch
in unserer Stadt, viele freiwillig um an den weiteren Siegen Anteil
zu haben.(...)
Arbeitszwangsverpflichtete Tschechen und Slowaken
Neben dem Bahnübergang zwischen Marks & Comp. und Schütte & Meyer
standen früher auf der Seite zur Lenne hin ein Stellwerk und eine
Baracke. In dieser Baracke waren Tschechen und Slowaken
untergebracht. Dies waren keine Kriegsgefangenen. Es waren junge
Männer, meistens Abiturienten, die gerade das Gymnasium verlassen
hatten. Die hatte man in ihrer Heimat gefangen (so erfuhr ich 1966
in der CSSR, in Deutschland sagte man angeworben) und sie
arbeitszwangsverpflichtet. Sie waren fast alle bei der Reichsbahn
beschäftigt. Sie arbeiteten dort in der Verwaltung, am
Fahrkartenschalter, als Rangierer usw.. Sie konnten sich frei
bewegen. An der Westseite der Baracke war die Küche. Hier wurde in
einem großen Kessel das Essen für sie gekocht.(...)
Gefangenenlager der Franzosen
Das erste Lager für die gefangenen Franzosen war unterhalb der roten
Halde in Stenglingsen. Dieses Lager sollte nun mit Russen belegt
werden. Die sollten in den Steinbrüchen der Kalkwerke arbeiten.
Deshalb wurde auf dem Kalkwerkegelände oberhalb der Firma Marks &
Comp., dort wo bisher eine Vierlingsflakstellung war, ein neues
Barackenlager für die Franzosen gebaut.
Im unteren Teil des stillgelegten Steinbruches hatte man eine
Baracke für die französischen Offiziere und eine Küche mit
Versorgungsräumen für alle Franzosen des Lagers erbaut. Auf dem Berg
stand oben rechts neben der Zufahrt zum Lager eine Baracke mit
Waschraum und Toiletten. Eine Baracke stand gegenüber der
Sanitäranlage, am vorderen Ende, nach hinten zum Steinbruch. Diese
Baracke wurden von den deutschen Bewachern bewohnt. Es standen noch
sechs weitere Baracken auf dem Gelände. Das Lager war mit einem
Stacheldrahtzaun eingezäunt. Die Franzosen arbeiteten überwiegend in
den Letmather Industriebetrieben bei Döhner, Rump, Schütte & Meyer,
Marks & Comp. und bei Gebr. Vieler.(...)
Gefangenenlager der Italiener
Etwa ab Ende 1943/ Anfang 1944, nachdem die Italiener das Bündnis
mit Deutschland aufgekündigt hatten, wurden auch viele Italiener
gefangen genommen. Einige davon waren in Letmathe in einem Gebäude
auf dem heutigen Bakelitegelände untergebracht. Sie mussten in dem
dort damals ansässigen chemischen Betrieb Voos arbeiten. Auch sie
wurden nur schlecht verpflegt, überwiegend mit Kohlsuppe.(...)
Gefangenenlager der Ukrainer
An der heutigen Brückenstraße in Genna standen rechts vor der
Eisenbahnfußgängerbrücke zwei Fachwerkgebäude aus halbsteinigen
Ziegelsteinen. Das Gelände war mit einem hohen Zaun eingezäunt. Von
der Brückenstraße her ging man durch ein schmales Tor auf das
Gelände.
In den Gebäuden waren gefangene Ukrainer. Sie mussten wie die
anderen russischen Gefangenen anderer Lager an der Reichsbahn
arbeiten. Das Essen für sie wurde im Hotel Geisler gekocht.
Ob sie nach dem Krieg alle wieder in ihre Heimat gingen, ist nicht
bekannt.
(lt. Heinrich Laurenzis-Fischer).
Am 08. Januar 2004 erfuhr ich von Friedhelm Tripp, der früher in der
Grüne wohnte, dass ein weiteres großes Lager mit Ukrainern auf dem
ehemaligen Sportplatz in der Untergrüne war.
Auf diesem Sportplatz wurden in der Zeit vor dem Krieg neben den
anderen Sportarten auch die Reichsjugendwettkämpfe der Jugend des
heimischen Raumes ausgetragen. Etwa 1942 begann man damit, Baracken
auf dem Platz zu errichten.
In diesen Baracken wurden die in Deutschland als Fremdarbeiter
bezeichneten Ukrainer untergebracht. Die meisten dieser Männer und
Frauen waren jedoch einfach auf den Straßen der Städte in der
Ukraine gefangen worden. Sie wurden dann nach Deutschland
verschleppt. (Das wurde uns bei einer Reise 2003 durch die Ukraine
berichtet).
Es handelte sich hierbei überwiegend um junge Menschen. Auf der
Kleidung hatten sie auf dem Rücken das Wort „Ost" stehen. Ein Teil
von ihnen wurde in der Landwirtschaft beschäftigt. Sie mussten dort
die deutschen Landarbeiter ersetzen, die im Heer ihren Dienst
verrichteten. Die meisten von ihnen wurden jedoch in den Betrieben
in der Grüne und in Iserlohn eingesetzt. Denn auch die
Industriebetriebe litten unter Arbeitermangel. So arbeiteten bei
Röttgers in der Grüne und bei Schlieper viele dieser Verschleppten
an den dortigen Kettenschweißmaschinen. Aber auch an anderen
Maschinen wurden sie manchmal mit Deutschen zusammen eingesetzt. Ein
Teil der jungen Frauen musste bei den Bauern und bei Familien als
Hausgehilfinnen arbeiten.
Die Lagerinsassen wurden nur schwach bewacht und konnten sich nach
der Erinnerung von Friedhelm Tripp fast frei bewegen. Über die
Anzahl der dort im Lager Wohnenden und wie viele Baracken auf dem
Sportplatz standen, konnte er keine Angaben machen.
Gefangenenlager der Russen
In Letmathe gab es mehrere Lager; in denen russische Soldaten unter
sehr schlechten Bedingungen lebten.
Eines dieser Lager befand sich auf der „roten Halde". Damit war die
ehemalige Zinkhalde in Stenglingsen gemeint. Heute befindet sich auf
dem Gelände eine Deponie der Firma Lobbe.
In diesem Lager waren zunächst französische Gefangene untergebracht.
Sie wurden in das neu erbaute Lager oberhalb der Firma Marks
verlegt. Dann kamen russische Soldaten in das Lager.
Die meisten von ihnen mussten in den Steinbrüchen und an den Öfen
der Kalkwerke schwere Arbeiten verrichten. Das Essen für sie wurde
in dem Ledigenheim geholt, das an der linken Seite der B236 in
Richtung Nachrodt war. Das Essen war sehr schlecht. Von Bauer
Laurenzis-Fischer aus Genna wurde das Essen einmal täglich mit einer
Pferdekarre vom Heim zum Gefangenenlager gefahren. Manche der dort
beschäftigten Deutschen sollen aber, soweit sie es konnten, den
Russen manchmal ein Butterbrot geschenkt haben.
Die Aufseher sollen die Russen jedoch brutal behandelt und oft mit
dem Gewehrkolben zugeschlagen haben.
Josef Wilke, der damals an der Langen Rute gegenüber den Kalkwerken
wohnte, hat im Winter bei Schnee oft seinen Schlitten zur Verfügung
gestellt, damit die erschöpften oder zusammengeprügelten Russen von
ihren Mitgefangenen zum Lager gebracht werden konnten.
Ca. 1944 wurden die Russen in das berüchtigte Stalag-Lager nach
Hemer verlegt. In das freie Lager kamen nun Amerikaner und
Engländer. Sie bekamen eine bessere Lebensmittelversorgung.
(Der Bericht über dieses Lager wurde nach fast gleich lautenden
Aussagen von Heinrich Laurenzis-Fischer (Jahrgang 1930) und Josef
Wilke (Jahrgang 1932) am 07.02.2003 von mir zusammengestellt).
Auf dem Hof des Bauunternehmers Heinrich Göke waren auch Russen
unter ganz schlechten räumlichen Bedingungen untergebracht.
Es waren die Russen, die in der Eisenbahnrotte des Bauunternehmers
arbeiten mussten. (vgl. bei der Reichsbahn S. 80).
Seit Beginn des Krieges am 22. Juni 1941 wurden von der deutschen
Wehrmacht, 5,7 Millionen russische Soldaten gefangen genommen. 2
Millionen von ihnen starben in den deutschen Gefangenenlagern.
Ob die wenigen Nahrungsmittel, die vom Staat für die Versorgung der
Gefangenen zur Verfügung gestellt wurden, auch immer für deren
Versorgung verwendet wurden, ist nach den Beobachtungen zu
bezweifeln. Besonders die Lager der Russen waren von der
Mangelversorgung betroffen.
Die Bombenangriffe auf Letmathe-Oestrich und
die Umgebung Die ersten Sprengbomben wurden bereits Anfang 1940 abgeworfen. Sie
fielen in den Steinbruch, der westlich neben der Helmke liegt.
Schaden verursachten sie kaum. In der gleichen Nacht gingen die
Jungen der Helmke noch auf Splittersuche (lt. Willi Dicke, Jahrgang
1930, der damals in der Helmke wohnte).
In der Nacht zum 23. August 1940 gegen 3.50 Uhr früh, wurden Spreng-
und Brandbomben nördlich von Oestrich abgeworfen, die in der Gegend
von Heimberg zur Wilhelmshöhe fielen. Schaden wurde nicht
verursacht.
In der Nacht zum 07. September 1940 warfen englische Flugzeuge
Brandplättchen ab, und zwar in der Richtung Vodeke-Lührenbach. Die
Plättchen flammten nach kurzer Zeit auf, ohne Schaden anzurichten.
Am 15. September 1940 ist von einem britischen
„Mosquito"-Mehrzweckflugzeug eine Bombe abgeworfen worden. Sie fiel
in die Nähe des Weges, der vom Ahm zur Wirtschaft „Zur Lennemühle"
an der Oeger Straße führte, richtete aber keinen Schaden an. (Mir
bekannter Informant).
Am 14. März 1941 fielen im Bereich der Lärchen in der Nähe der
Wirtschaft „Hubertushöhe"(Mickenbecker) gleich zu Anfang des Krieges
Bomben ohne Schaden anzurichten.
(lt. Heinrich Laurenzis-Fischer).
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Die
ausgebrannte katholische Kirche in Oestrich |
Am 14. Juni 1941 wurden bei einem Angriff Bomben in der Obergrüne am
Brandkopf abgeworfen. Schaden entstand jedoch nicht, (vgl. Krumme
und „Iserlohn unter Union Jack" am 13).
Am 07. September 1941 wurden in Letmathe Brandbomben abgeworfen. Es
entstand nur Sachschaden, (lt. Tagebuch Krumme). Im Buch, „950 Jahre
Letmathe", herausgegeben von den Letmather Nachrichten, steht auf
Seite 84:
Erstmals wird auch Letmathe von den Luftangriffen feindlicher
Bomber betroffen. In der Nacht zum 7. September werden 2
Sprengbomben und 150 Brandbomben abgeworfen. Dabei erhält das
Marienhospital vier Treffer von Brandbomben, während 7 weitere
Brandbomben Zimmerbrände auslösen. Eine Sprengbombe fällt ins freie
Feld, die Zweite in einen Garten an der Bachstraße. Im weiteren
Verlauf wird unsere Gegend wiederholt von Fliegerangriffen
betroffen, in der Folge sind jedoch nur die Schlimmsten verzeichnet.
In der Nacht zum 07. April 1942 fielen in Grürmannsheide mehrere
18-Zentner-Luftminen, wovon je eine bei den Gehöften Breer und
Holzrichter im Acker niederging, zwei kamen im Korbeslühr herab.
Fensterscheiben und Dächer waren im weiten Umkreis stark beschädigt.
Vor dem Hause Tubbesing lag ein Blindgänger, der aber am gleichen
Tage noch entschärft und abgeholt wurde.
Am Abend des 10. April 1942 warfen Flieger Brandbomben über Oestrich
in großer Zahl ab. Einige Häuser wurden getroffen; die Brände
konnten von den Bewohnern gelöscht werden. Als stärkerer Rauch
aufstieg, wurde durch eine Streife der Feuerwehr festgestellt, dass
die katholische Kirche brannte. Brandbomben hatten das Kuppeldach an
der Westseite durchschlagen und gezündet. Das Feuer ergriff den
ganzen Dachstuhl, so dass die Kirche ausbrannte. Bis zur
Wiederherstellung der Kirche ist der Gottesdienst in der
evangelischen Kirche abgehalten worden.(...)
(...) Der
letzte größere Abwurf war am 12. März 1945. Gegen 11.45 Uhr fielen
etwa 200 Sprengbomben im Teppichwurf auf dem Hopey und auf Langeroh,
nördlich Letmathe-Oestrich. Außer Dachschäden, zerbrochenen
Fensterscheiben und Flurschäden war größeres Unheil nicht entstanden.(...)
Eine sinnlose
Zerstörung
Um den Vormarsch der Amerikaner zu
behindern, wurde am 14. April 1945 der Wahnsinnsbefehl, der Tage
zuvor von wirklich verantwortungslosen Offizieren der Wehrmacht
erteilt worden war, ausgeführt und die Steinbrücke in Letmathe und
die Eisenbahnbrücke nach Hohenlimburg gesprengt. Auch die Holzbrücke
und die Brücke zur Akku sollten gesprengt werden.
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Die
Bahnhofsbrücke wurde am 14. April 1945 von der deutschen
Wehrmacht gesprengt. |
Heinrich Laurenzis-Fischer sagte mir
hierzu, dass ein Soldat höheren Ranges immer zwischen Steinbrücke
und Holzbrücke hin und her gegangen sei. Sein Vater habe sich mit
diesem Soldaten unterhalten. Er habe gesagt, seine Aufgabe sei es
die Brücken zu sprengen. Daraufhin habe sein Vater zu dem Offizier
gesagt: „Dann lass dich hier aber nicht mehr sehen!" Darauf habe der
Soldat gesagt: „Ich will nicht in den letzten Tagen vor Kriegsende
erschossen werden, denn mein Leben ist mir mehr wert als eure
Brücken.".(...)
Die Holzbrücke wurde nicht gesprengt.
Heinrich Laurenzis-Fischer hat am 15. April von seinem Obsthof aus
beobachtet, wie ein Amerikaner mit einem Gewehr, auf dass ein
Bajonett aufgesteckt war, die Zündschnüre durchtrennt hat. Die
Sprengladungen hingen dann noch einige Tage an den Brückenpfeilern.
Wer sie entfernt, hat ist nicht bekannt. Auch die Brücke zur Akku
wurde nicht gesprengt.
Damit die Menschen, die zum Bahnhof
oder zur Arbeitsstelle nach Genna mussten, die Lenne auch trockenen
Fußes überqueren konnten, wurde unterhalb der zerstörten Brücke
bereits 1945 ein ca. zwei Meter breiter Notsteg gebaut.
Vom Honsel her rückten am Sonntag, dem
15.April 1945, die Amerikaner nach Genna ein. Die Lenne war für eine
Nacht die Grenze, denn die Stadt jenseits der Lenne wurde erst am
16.April 1945 von einer anderen amerikanischen Einheit, die von
einem anderen General befehligt wurde, besetzt.(...)
Am 15. April wurde auch der Kiliansdom
von der Südseite her, neben dem Kirchturm von Granaten getroffen. Ob
es noch Warn- oder schon Freudenschüsse waren, wer weiß es? Es ging
jedenfalls eine Weissagung in Erfüllung. Der in der Kiliansgemeinde
von 1870 bis 1902 als Kaplan tätige Josef Vogelsang hatte
vorausgesagt, dass der Krieg erst zu Ende ist, wenn die
Kilians-Kirche von der Südseite her am Turm an der rechten Seite
getroffen wird. Jedenfalls waren es die letzten Schüsse, die im
Rahmen des Kriegsgeschehens auf Letmather Gebiet abgefeuert wurden.(...)
Veröffentlichung mit freundlicher
Genehmigung des Autors
Das Buch "Letmather Bürger erinnern sich an die
Zeit von 1930 bis 1945" von Alois Grusemann (Selbstverlag 2005, 134
Seiten, Din-A4-Format) ist zum Preis von 15,- € über
"Die
kleine Buchhandlung", Hagener Str. 29, 58642 Iserlohn-Letmathe
zu beziehen.
Anmerkungen des Webmasters:
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Barackenlager der französischen Zwangsarbeiter |
Am 18. Juni 2006 erhielt ich eine E-Mail von Claude Balbin
aus Frankreich. Herr Balbin hatte die Auszüge aus dem Buch
"Letmather Bürger erinnern sich an die Zeit von 1930 bis 1945"
von Alois Grusemann auf
dieser Internetseite gelesen. Besonders der Auszug über die
Gefangenenlager der Franzosen hatte sein Interesse geweckt. In der E-Mail schrieb Herr Balbin,
dass sein Vater Maxime Balbin von 1943-1945 als Zwangsarbeiter bei
der Firma Döhner (heute Woolworth/Kaufpark) arbeiten musste. In
einer weiteren E-Mail übermittelte mir Herr Balbin zwei Fotos. Auf
einem Foto sieht man die Baracken auf dem Abraumgelände der
Rheinisch-Westfälischen Kalkwerke, in denen die Franzosen
während des Krieges in Letmathe untergebracht waren. Auf dem zweiten
Foto sind die französischen Zwangsarbeiter, die in verschiedenen
Letmather Firmen arbeiten mussten, abgebildet.
Alois Grusemann hat die
Baracken wiedererkannt. Sie befanden sich seinen Angaben nach hinter
den Werkswohnungen der Firma Marks, in denen er damals
als Kind wohnte. Alois Grusemann berichtete mir von den guten
Erfahrungen, die er als Kind mit den französischen Gefangenen
gemacht hatte. So sei ihm sein erstes Stück Schokolade von einem
französischen Kriegsgefangenen geschenkt worden. Seinen Eltern sei
bei der Arbeit auf einem gepachteten Feld von französischen
Gefangenen geholfen worden, die für ihre Arbeit mit Lebensmittel
entlohnt wurden. Kontakte zwischen Kriegsgefangenen, Fremdarbeitern
und der deutschen Bevölkerung waren von den Nazis streng verboten.
Später erhielt ich noch folgende Informationen von
Claude Balbin über die Zeit seines Vaters als Zwangsarbeiter in
Deutschland: Maxime Balbin stammte aus der Stadt Dreux im
Département Eure-et-Loir etwa 80 km westlich von Paris. Dort
arbeitete er in einer Brauerei. Als während der Kriegsjahre 1942 und
1943 immer mehr Arbeitskräfte benötigt wurden um die deutsche
Kriegswirtschaft in Gang zu halten, führte das Vichy-Regime, dem
formal ganz Frankreich unterstand, auf Druck der deutschen Besatzer
den Service du Travail obligatoire en Allemagne (STO) ein. Im
Rahmen des STO wurden hunderttausende Franzosen zur Zwangsarbeit nach
Deutschland deportiert. Einer von ihnen war Maxime Balbin. Im
Februar 1943 kam er in Letmathe an. Maxime Balbin war mit anderen
französischen Zwangsarbeitern in Baracken in einem Steinbruch in
Genna untergebracht. Er musste bei der Firma Döhner arbeiten. Die
Arbeitsbedingungen waren hart und die Ernährung schlecht. Als die
Amerikaner im April 1945 Letmathe besetzten, wurde Maxime Balbin
befreit. Seine Heimreise organisierte das Rote Kreuz.
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Französische Zwangsarbeiter |
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Bescheinigung der Firma Döhner für Maxime Balbin |
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Ebenso zu erwähnen ist der Gästebucheintrag von
Walter Hoffmann aus Bonn vom 9. April 2006. Herr Hoffmann bezieht
sich hier auf die Schlägereien zwischen Nationalsozialisten und
Kommunisten in Letmathe, die Alois Grusemann in seinem Buch beschreibt. Herr
Hoffmann berichtet, dass sein Großvater Wilhelm Hoffmann, der zu
jener Zeit in der Gartenstr. 20 in Letmathe wohnte, einer der
Kommunisten war, die sich Schlägereien mit der SA geliefert hatten.
Wilhelm Hoffmann wurde am 1. Sept. 1938 verhaftet und nach Hagen
gebracht. Von Hagen aus transportierte man ihn ins
KZ Buchenwald.Wilhelm
Hoffmann starb am 16. März 1944 als politischer Häftling auf dem
Transport ins KZ
Neuengamme.
Wir danken Herrn Claude Balbin sowie Herrn Walter
Hoffmann für ihre Informationen über die Geschehnisse in unserer
Heimatstadt während der Nazidiktatur, die uns helfen, uns unserer
historischen Verantwortung zu stellen.
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