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Auszug aus dem Buch
Wo Letmather ihr Geld verdien(t)en
Letmathe und die Eisenbahn
Herausgeber: Redaktionsteam des Geschichtskreises Letmathe
Die Ruhr-Sieg-Bahn
Mitte des 19. Jahrhunderts bekam Letmathe mit dem
Bau der Ruhr-Sieg-Bahn einen Eisenbahnanschluss. Die Ruhr-Sieg-Strecke
führt überwiegend durch das Tal der Lenne von Hagen über Letmathe,
Altena, Werdohl, Plettenberg, Altenhundem, Kreuztal bis Siegen. Ziel
der Ruhr-Sieg-Bahn war es die im Ruhrgebiet geförderte Kohle schnell
und kostengünstig zu den Eisenhütten des Siegerlandes zu
transportieren. Im Siegerland befanden sich zur damaligen Zeit für das
Königreich Preußen wichtige Eisen- und Stahlproduktionsstätten. Eine
weitere Eisenbahnverbindung erhielt Letmathe mit dem Bau der
Iserlohner Bahn, einer Nebenstrecke der Ruhr-Sieg-Bahn, die von der
Letmather Bahnstation im Ortsteil Genna über die Haltestelle
Dechenhöhle (Untergrüne) nach Iserlohn führt.
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Erster Fahrplan der Ruhr-Sieg-Bahn von 1860 |
Bedeutung der Ruhr-Sieg-Bahn für Letmathe
Der Bau der Ruhr-Sieg-Bahn war für die industrielle
Entwicklung Letmathes von entscheidender Bedeutung. Bis in das 19.
Jahrhundert war Letmathe ein landwirtschaftlich geprägtes Dorf. Die
teilweise in Heimarbeit hergestellten Waren der wenigen
Industriebetriebe mussten mit Pferdefuhrwerken über die schlechten
Straßen der preußischen Provinz Westfalen transportiert werden. Der
Kalkabbau des durch Letmather Gebiet verlaufenden Kalksteinzugs, der
im Erdzeitalter des Mitteldevon entstand, war bislang nur von lokaler
Bedeutung. Mit der Erschließung des Lennetals durch die Eisenbahn und
die allgemein fortschreitende industrielle Entwicklung wandelte sich
Letmathe vom Bauerndorf zum Industrieort. Die einsetzende industrielle
Ausbeutung der Kalkvorkommen steigerte sich von 7.000 Tonnen Kalkstein
im Jahr 1868 auf 329.950 Tonnen Kalkstein und Dolomit sowie 148.370
Tonnen Weißkalk (gebrannter Kalk) im Jahr 1907. Bestehende
Industriebetriebe, vornehmlich der Draht- und Kettenindustrie,
erweiterten ihre Produktionsstätten und steigerten ihre Produktivität.
Neue Industriezweige wie Maschinen- und Metallwarenfabriken,
Walzwerke, Eisengießereien und eine Zinkhütte siedelten sich an. In
der Industrie entstanden zahlreiche neue Arbeitsplätze. Die
gewachsenen, dörflichen Strukturen des überwiegend katholischen Dorfes
wurden von der städtischen Arbeiterbevölkerung verdrängt. Hatte
Letmathe im Jahr 1855 1.080 Einwohner, so stieg die Zahl im Jahr
seiner Stadtwerdung im Jahr 1935 auf 8.500 Einwohner.
Erste Planungen
Im Jahr 1835 plante ein in Siegen gegründetes
Komitee den Bau einer Pferdeeisenbahn vom Siegerland in das
Ruhrgebiet. Pferdeeisenbahnen waren auf Schienen laufende Wagen, die
von Pferden gezogen wurden und gelten als Vorläufer der Eisenbahn. Sie
wurden vor allem im Bergbau eingesetzt. Die erste deutsche Pferdebahn
entstand 1787 in Hattingen und diente zum Transport der Steinkohle von
den Gruben zu den Verladestellen an der Ruhr. Die Pläne des Siegener
Komitees wurden jedoch nicht verwirklicht, da sich das
Genehmigungsverfahren hinzog und die Planungen von der technischen
Entwicklung eingeholt wurden.
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Bahnhof Letmathe |
Anfänge der Eisenbahn in Deutschland
Ab Dezember 1835 verkehrte die erste deutsche Dampfeisenbahn,
der von George Stephenson in England gebaute Adler, regelmäßig zwischen Nürnberg und
Fürth. Zwar wurde der stündlich fahrende Zug der Bayerischen
Ludwigsbahn anfangs nur zweimal am Tag vom dampfgetriebenen Adler
gezogen, aufgrund hoher Kosten waren dem Zug zu den anderen Zeiten
Pferde vorgespannt, aber der Siegeszug der Eisenbahn war nicht mehr
aufzuhalten. Schon bald gingen weitere Eisenbahnstrecken in Betrieb
wie z. B. die Strecke Leipzig – Dresden der Leipzig-Dresdner Eisenbahn
(1837), die Strecke Düsseldorf – Elberfeld der Düsseldorf-Elberfelder
Eisenbahn-Gesellschaft (1838) oder die Strecke Berlin – Dessau der
Berlin-Anhaltischen Eisenbahn (1840).
Bau der Ruhr-Sieg-Bahn
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Letmather Bahnhof und Teilansicht von Letmathe vor 1892 |
Von einem zwischenzeitlich in Hagen gegründeten
Komitee wurde 1851 ein neuer Antrag zum Bau der Ruhr-Sieg-Bahn als
Dampfeisenbahn gestellt. Nachdem man sich über den Verlauf der Strecke
nach anfänglichen Streitigkeiten geeinigt hatte, wurde der Bau 1856
genehmigt. Die am 18. Oktober 1843 in Elberfeld (Wuppertal) gegründete
Bergisch-Märkische Eisenbahn-Gesellschaft leitete den Bau der 106 km
langen Ruhr-Sieg-Strecke. Das erste 21 km lange Teilstück von Hagen
nach Letmathe wurde am 21. März 1859 eröffnet. Am 17. Juli 1860 war
der Abschnitt von Letmathe bis Altena fertiggestellt und am 6. August
1861 konnte die 12,9 Millionen Taler teure Gesamtstrecke von Hagen
nach Siegen in Betrieb genommen werden. Bereits im Jahr 1872 wurde die
Strecke aufgrund der hohen Auslastung zweigleisig ausgebaut. Mit der
Inbetriebnahme des Streckenabschnittes Siegen–Haiger im Jahr 1915
erfolgte die Anbindung der Ruhr-Sieg-Bahn an die 1862 fertiggestellte
Dillstrecke der Cöln-Mindener Eisenbahn. Die Strecke war damit
durchgehend von Hagen über Siegen bis Gießen und später bis Frankfurt
befahrbar.
Bau der Nebenstrecke Letmathe – Iserlohn Entdeckung der Dechenhöhle
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Bahnhof Dechenhöhle |
Iserlohn, als wirtschaftlich bedeutende Stadt,
war schon früh bestrebt, einen Anschluss an ein Eisenbahnnetz zu
erhalten. Sowohl Pläne aus dem Jahr 1841 Iserlohn an die Bahnlinie
Dortmund-Unna-Soest-Lippstadt anzubinden als auch der geplante
Anschluss an die Bahnstrecke Rhein-Weser über
Elberfeld-Hagen-Unna-Hamm wurden nicht realisiert. Auch der Wunsch die
Ruhr-Sieg-Strecke über die Grüne zu führen konnte aufgrund der
ungünstigen Gegebenheiten nicht erfüllt werden. Dem
Einfluss des Politikers und Industriellen Carl Overweg (* 28. November
1805 in Unna, † 27. Mai 1876 in Letmathe), der 1852 Haus Letmathe
erworben hatte, ist es zu verdanken, dass Iserlohn über die
Nebenstrecke Letmathe - Iserlohn an die Ruhr-Sieg-Bahn angeschlossen
wurde. Die Iserlohner Bahn genannte Nebenstrecke überwindet auf ihrer
Länge von 5,5 km einen Höhenunterschied von 127 m und wurde am 31.
März 1864 in Betrieb genommen. Bei Erweiterungsarbeiten an der Strecke
entdeckten im Juni 1868 zwei Bahnarbeiter die Dechenhöhle. Kurz nach
ihrer Entdeckung wurde die Dechenhöhle von der Bergisch-Märkischen
Eisenbahngesellschaft zur Schauhöhle ausgebaut. Benannt ist die Höhle
nach dem bedeutenden Geologen und Oberberghauptmann Heinrich von
Dechen (* 25. März 1800, † 15. Febr. 1889). Die Dechenhöhle gilt als
eine der schönsten und meistbesuchten Höhlen Deutschlands. Mit dem
Bahnhof Dechenhöhle verfügt die Dechenhöhle als einzige Schauhöhle
Deutschlands über eine eigene Eisenbahnhaltestelle. Im ehemaligen
Bahnhofsgebäude befindet sich heute das im Jahr 2006 eröffnete
„Deutsche Höhlenmuseum Iserlohn“.
Von der Bergisch-Märkischen
Eisenbahn-Gesellschaft zur Deutschen Bahn AG
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Bahnarbeiter vor 1914 |
Betreiber der Ruhr-Sieg-Bahn war die 1834 in
Elberfeld gegründete Bergisch-Märkische Eisenbahn-Gesellschaft. Der
preußische Staat war mit einem Anteil von 25 % an der Gründung der
Gesellschaft beteiligt. Der Anteil erhöhte sich als Preußen im Jahr
1850 der Bergisch-Märkischen Eisenbahn-Gesellschaft für den weiteren
Streckenausbau ein staatliches Darlehen in Höhe von 600.000 Talern
gewährte. Im Gegenzug beanspruchte der preußische Staat die Leitung
des Bahnbetriebs. Die eigens am 14. September 1850 gegründete
“Königliche Direktion der Bergisch-Märkischen Eisenbahn-Gesellschaft“
übernahm am 15. Oktober 1850 die Verwaltung der weiterhin als
Privatunternehmen geltende Bergisch-Märkischen Eisenbahn-Gesellschaft.
Mit Gesetz vom 28. März 1882 wurde die Bergisch-Märkische Eisenbahn
verstaatlicht und war damit Teil der Preußischen Staatseisenbahnen.
Die Betriebsführung ging rückwirkend zum 1. Januar 1882 an die
„Königliche Eisenbahn-Direction zu Elberfeld“ über. Zum Zeitpunkt
ihrer Verstaatlichung verfügte die Bergisch-Märkische
Eisenbahn-Gesellschaft über 768 Lokomotiven, 21.607 Wagen und ein
Streckennetz von insgesamt 1.336 Kilometer Länge. Während der Zeit der
Weimarer Republik wurde das Eisenbahnwesen im Deutschen Reich neu
geordnet. Die Preußischen Staatseisenbahnen sowie die
Staatseisenbahnen weiterer sieben Länder (Bayern, Sachsen,
Württemberg, Baden, Hessen, Mecklenburg-Schwerin und Oldenburg) wurden
laut Staatsvertrag vom 31. März 1920 zur Deutschen Reichsbahn
zusammengeführt. Nach dem Zweiten Weltkrieg teilten die Siegermächte
die Deutsche Reichsbahn entsprechend der Besatzungszonen auf. Am 7.
September 1949 entstand in
der Bundesrepublik Deutschland die Deutsche Bundesbahn. In der
Sowjetzone und späteren DDR behielt man die Bezeichnung Reichsbahn aus
statusrechtlichen Gründen bei. Nach der deutschen Wiedervereinigung im
Jahr 1990 wurden Bundesbahn und Reichsbahn am 1. Januar 1994 zur
Deutschen Bahn AG zusammengeschlossen.
Bahnbetriebswerk (Bw) Letmathe
Für den Betrieb der Dampflokomotiven waren
Bahnbetriebswerke von größter Bedeutung. Die Lokomotiven mussten
regelmäßig gewartet, gereinigt sowie die Betriebsstoffe ergänzt
werden. Hierzu verfügten die Bahnbetriebswerke über verschiedene
Anlagen. Die Bekohlungsanlagen dienten zum Auffüllen der
Brennstoffvorräte. Wasser wurde in eigenen Wasserwerken gereinigt und
in Wassertürmen gespeichert. Besandungsanlagen lieferten den Sand, der
für einen besseren Reibwert der Räder beim Anfahren und Bremsen sorgte
und heute noch bei den modernen ICE-Zügen Verwendung findet. In der
Entschlackungsanlage wurden die Verbrennungsrückstände aus
Rauchkammern und Aschekästen entfernt. Des Weiteren gab es
Ausblasvorrichtungen, um Heiz- und Rauchrohre von Asche und
Kohlestücken zu reinigen, Auswaschstände zum Reinigen der Kessel der
Dampfmaschinen, Achssenken zum Austausch der Achsen und weitere
technische Anlagen, mit deren Hilfe auch kleinere Reparaturen an den
Lokomotiven ausgeführt werden konnten.
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Bahnhof Letmathe im Ortsteil Genna (ca.1860). In
der Bildmitte die erste Lokstation der
Ruhr-Sieg-Bahn. Vorn rechts die Schwefelsäurefabrik der
Zinkhütte. |
Das erste Bahnbetriebswerk der Ruhr-Sieg-Bahn
entstand zeitgleich mit der Eröffnung des ersten Teilstücks der
Strecke in Letmathe. Das Bahnbetriebswerk Letmathe oder in der Sprache
der Eisenbahner kurz Bw Letmathe war zunächst eine Lokstation
(kleineres Bahnbetriebswerk) und bestand aus einem Lokschuppen mit
Drehscheibe für zwei bis drei Dampfloks, einer Entschlackungs- bzw.
Feuergrube und einer Einrichtung zur Versorgung der Dampflokomotiven
mit Wasser. Doch schon bald waren Erweiterungen der Lokstation
notwendig. So musste nach dem Bau der Nebenstrecke Letmathe-Iserlohn
ein neuer Wasserturm mit zwei Hochbehältern an der Rückseite des
Lokschuppens angebaut werden. Errichtet wurde der am 14. April 1864
abgenommene Anbau von dem Letmather Bauunternehmer Friedrich-Wilhelm
Bewerunge. Baumeister Bewerunge, der 1878/79 den Erweiterungsbau der
alten Kilianskirche errichtete und 1873 das erste Letmather
Krankenhaus stiftete, musste zur Absicherung seiner
Gewährleistungspflicht einer Aktie der Bergisch-Märkischen
Eisenbahn-Gesellschaft im Wert von 100 Talern erwerben, die ihm nach
Ablauf eines Jahres zuzüglich einer Dividende ausgehändigt wurde.
Die Erweiterung des Streckennetzes der
Bergisch-Märkischen Eisenbahn und der zunehmende Bahnverkehr machten
den Neubau der Bahnbetriebsanlage in den Jahren 1886/87 notwendig. Der
alte Lokschuppen und die Wasserstation wurden abgerissen und ein
zwölfständiger Ringlokschuppen mit einer 12,6 m großen Drehscheibe
sowie eine neue Wasserstation mit Wasserturm erbaut. Dem Lokschuppen
schloss sich eine Werkstatt mit einer Dreherei, einer Tischlerei,
einer Schmiede und einem Magazin an. Die Drehscheibe ersetzte man in
späteren Jahren durch ein größeres Modell. Die Gleise vor dem
Lokschuppen wurden entsprechend angepasst und zusätzlich durch ein
Abstellgleis neben dem Schuppen ergänzt.
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Mitarbeiter des Bahnbetriebswerks Letmathe vor
dem 1886/87 erbauten Ringlokschuppen im Jahr 1890 |
Da die neben dem Lokschuppen erbaute
Wasserstation nicht in der Lage war den Wasserbedarf der
Dampflokomotiven des Bw Letmathe zu decken, musste im Jahr 1911 ein
Wasserturm in direkter Nähe zum Bahnhofsgebäude gebaut werden. Das
benötigte Wasser entnahm man mithilfe einer Pumpstation der Lenne.
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Teil der Belegschaft des Bahnbetriebswerks Letmathe vor der Lok G 8.1 Elberfeld 4942 am
27. Sept. 1920 |
Im Laufe der Jahre waren verschiedenste
Lokomotivtypen in unterschiedlicher Anzahl im Bereich des
Bahnbetriebswerkes Letmathe im Einsatz. Exemplarisch sollen hier die
im Jahr 1923 in Letmathe stationierten 31 Lokomotiven genannt werden.
Im Einzelnen handelte es sich um acht Exemplare der preußischen
Güterzuglokomotive G3, sechs Modelle der Güterzuglokomotive G5, zehn
Exemplare des Typs G8, der ersten preußischen
Heißdampf-Güterzuglokomotiven, und sieben Modelle der
Personenzug-Tenderlokomotive T12. Das Bw Letmathe hatte im selben Jahr
mit 187 Betriebsangehörigen, davon 140 Mann Lok- und Zugpersonal, den
höchsten Personalstand erreicht.
Als Kuriosum ist zu erwähnen, dass das
Bahnbetriebswerk Letmathe nicht nur für die Pflege und Wartung der ihr
anvertrauten Lokomotiven zuständig war, sondern auch Brause und
Limonade für die Belegschaft ihres Versorgungsbereichs herstellte. Des
Weiteren unterhielt man eine Badeanstalt, die aus drei Kabinen mit
einer Badewanne und vier Duschkabinen bestand. Die Baderäume konnten
gegen Entgelt auch von Familienangehörigen des Bahnpersonals benutzt
werden.
Zum Aufgabenbereich des Bw Letmathe, dem
zeitweise die Lokstationen in Altena, Iserlohn, Meschede und
Plettenberg zugeordnet waren, gehörte die Versorgung der Stationen
entlang der Strecke mit Kohle sowie mit Ölen und Fetten. Außerdem war
in Letmathe ein Gerätewagen mit Mannschaftsabteil stationiert, der bei
Unfällen zum Einsatz kam.
Während des Zweiten Weltkrieges verlor die Reichsbahn 10.000 Lokomotiven und 112.000 Güterwagen, des Weiteren
wurden 13.000 Weichen und Kreuzungen und 4.300 km Eisenbahnschienen
zerstört. Siebzehn Brücken der Ruhr-Sieg-Strecke waren durch
Feindeinwirkung oder Sprengungen der Wehrmacht zerbombt. Das
Ausbesserungswerk des Bw Letmathe fiel am 19. November 1943 einem
Luftangriff zum Opfer. Die Instandsetzungsarbeiten nach dem Krieg
gestalteten sich schwierig, da sich die meisten arbeitsfähigen Männer
in Kriegsgefangenschaft befanden, Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene
als Arbeitskräfte nicht mehr zu Verfügung standen und ein allgemeiner
Materialmangel herrschte. Die Züge, die noch fuhren, waren voll mit
entwurzelten Menschen, den ehemaligen Kriegsgefangenen, Evakuierten
und Verschleppten, die in ihre Heimat zurückkehrten sowie den
Flüchtlingen und Vertriebenen, die eine neue Heimat suchten. Dazu
kamen die Hamsterer, die auf der Suche nach Lebensmitteln von der
Stadt aufs Land fuhren, um die größte Not der Nachkriegsjahre zu
lindern. Der Ruhr-Sieg-Strecke kam nach ihrer Wiederinbetriebnahme
eine besondere Bedeutung zu. Über sie liefen die Kohlelieferungen in
Richtung Süddeutschland, die nicht über die überlasteten und teils
noch unterbrochenen Rheinstrecken geleitet werden konnten.
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Schienenbus Typ VT98.
Im Hintergrund eine Dampflokomotive. |
Die Einführung der Diesellokomotiven leitete das
Ende der Ära der Dampflokomotiven ein. Ab September 1954 übernahmen
die dieselgetriebenen Schienenbusse des Typs VT 95 den Personenverkehr
auf den Nebenbahnen der Ruhr-Sieg-Strecke. Im November 1959 kamen im
Verantwortungsbereich des Bahnbetriebswerks Letmathe Schienenbusse des
Typs VT98 auf der Strecke nach Iserlohn und Fröndenberg zum Einsatz.
Die wegen ihres lauten Fahrgeräusches „Rote Brummer“ genannten
Schienenbusse, in Norddeutschland waren sie auch als Ferkeltaxe
bekannt, wurden bis in die achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts
eingesetzt. Den Rangierdienst übernahmen moderne Diesellokomotiven des
Typs V60, die damit dazu beitrugen die Dampfloks von den Schienen zu verdrängen.
Bereits Anfang der 1960iger Jahre waren keine Dampflokomotiven mehr in
Letmathe stationiert. Die Dieselloks verursachten weit weniger
Wartungsaufwand als ihre Vorgänger die Dampflokomotiven. Ein Umstand,
der sich im sinkenden Personalstand des Bw Letmathe widerspiegelte.
Waren 1956 noch 180 Mann im Bahnwerk Letmathe beschäftigt so sank ihre
Zahl im Jahr 1960 auf 64 Mann. Im selben Jahr verlor das
Bahnbetriebswerk Letmathe seine Selbstständigkeit und wurde zur
Nebenstelle des Bw Schwerte.
Mitte der 1960er Jahre folgte eine weitere
technische Neuerung. Die Ruhr-Sieg-Strecke wurde elektrifiziert. Die
Baumaßnahmen begannen am 15. März 1961 in Hagen und endeten am 14. Mai
1965 mit der Elektrifizierung der Gesamtstrecke von Hagen bis Siegen.
Fortan bestimmten die Elektrolokomotiven das Erscheinungsbild der
Eisenbahn im Lennetal.
Am 1. Oktober 1966 stellte das Bahnbetriebswerk
Letmathe nach 107 Jahren seinen Betrieb endgültig ein. Baustoffhändler
nutzten den alten Ringlokschuppen des Bahnwerks noch längere Zeit als
Verkaufs- und Lagerfläche, bis die "DB Service und Immobilien
Gesellschaft" das Gebäude 2007 wegen Baufälligkeit abreißen ließ.
Lediglich das Bahnausbesserungswerk war in einem so guten baulichen
Zustand, dass man es zunächst stehen ließ. Im Jahr 1970 war bereits
der Wasserturm in der Nähe des Bahnhofsgebäudes der Abrissbirne zum
Opfer gefallen. Er folgte damit seinem Pendant auf dem Gelände des
Betriebswerkes, den man einige Zeit zuvor niedergelegt hatte.
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Bahnübergang
Bahnhofstr./Helmkestr. mit dem 1992 abgebrochenen
Stellwerk |
Stellwerke und Schrankenposten
Für einen reibungslosen und sicheren Bahnbetrieb
sind Stellwerke und Schrankenposten unerlässlich. Zu den Anfängen der
Eisenbahn wurden Weichen und Signale ebenso wie Schranken durch
Muskelkraft bedient. Auf die rein mechanischen Stellwerke folgten die
elektromechanischen Stellwerke, bei denen die Weichen, Gleissperren
und Signale über einen elektrischen Antrieb verfügen, mit deren Hilfe
die Stellvorgänge ausgeführt werden. Den nächsten Entwicklungssprung
stellen die Gleisbildstellwerke dar, die mithilfe eines schematischen
Gleisbilds, auf dem alle Gleis- und Signalanlagen dargestellt sind,
vom Fahrdienstleiter per Knopfdruck bedient werden. Im Zuge der
Modernisierung der Ruhr-Sieg-Strecke nahm die Deutsche Bahn 1984 ein
zentrales Gleisbildstellwerk in Hohenlimburg in Betrieb. Die moderne
Technik machte die vier Stellwerke im Bereich des Letmather Bahnhofs
überflüssig. Gleichzeitig versah man die fünf Letmather Bahnübergänge
mit automatischen Schrankenanlagen. Fünfundzwanzig Bahnangestellte
mussten ihre Arbeitsplätze räumen und wurden mit anderen Aufgaben
betraut. Die Stellwerke und Schrankenposten ließ die Bahn abreißen.
Als letztes Stellwerk wurde 1992 das Stellwerk am Bahnhof Letmathe
abgebrochen.
Bahnhof Letmathe
Der Letmather Bahnhof wurde 1865 anstelle einer
provisorischen Bahnstation im Stil des Historismus erbaut. Typisch für
den Historismus, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts seine
Blütezeit hatte, ist die Verwendung verschiedener Baustile. So finden
sich im Letmather Bahnhofsgebäude Elemente des preußischen
Klassizismus, aber auch gotische Stilelemente, wie beispielsweise der
Tudorbogen. In dem Gebäude waren neben dem Fahrkartenschalter und
Diensträumen eine Bahnhofsrestauration sowie in der ersten Etage
Wohnräume für Bedienstete untergebracht.
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Bahnhof Letmathe um 1910 |
Nach der Gebietsreform vom 1. Januar 1975 und der
Eingemeindung Letmathes nach Iserlohn träumten offizielle Iserlohner
Stellen davon, den Bahnhof Letmathe zum Iserlohner Hauptbahnhof zu
machen. Mit einem neuen Bahnhofsgebäude anstelle des Alten und einer
vollen Anbindung an das Fernverkehrsnetz der Deutschen Bundesbahn,
bislang hielten nicht alle Fernzüge der Strecke Hagen-Siegen-Frankfurt
in Letmathe, sollte der Bahnhof Letmathe zu einem Verkehrsknotenpunkt
gemacht werden, der einer knapp 100.000 Einwohner zählenden Stadt würdig
war. Aus den Plänen wurde nichts. Letztendlich reichten die finanziellen Mittel nicht einmal für
eine Umbenennung des Bahnhofs in Bahnhof Iserlohn-Letmathe. Die
Deutsche Bundesbahn musste sparen, um den Ausfall von 1,9 Mrd. DM an
Bundeszuschüssen auszugleichen. Die Kosten für die Umbenennung in Höhe
von 100.000 DM hätte die Stadt Iserlohn tragen müssen. Ein Betrag, den
der Rat der neuen Stadt Iserlohn für ein Prestigeobjekt nicht ausgeben
wollte.
Anfang der 1980-er Jahre versuchte die Deutsche
Bahn ihr Milliarden-Defizit mithilfe von Immobilienverkäufen
aufzufangen. Ab 1981 verhandelte die Bahn mit der Stadt Iserlohn über
den Verkauf der Dechenhöhle, die ursprünglich Eigentum der
Bergisch-Märkischen Eisenbahn war und über die Preußischen
Staatsbahnen und die Deutsche Reichsbahn schließlich in den Besitz der
Deutschen Bundesbahn gelangte. Im Jahr 1983 stand das Bahnhofsgebäude
in Letmathe zum Verkauf. Die Dechenhöhle kaufte im Jahr 1984 die
Mark-Sauerland Touristik GmbH, eine Gesellschaft des Märkischen
Kreises und der Stadt Iserlohn. Der Bahnhof Letmathe blieb im Besitz
der Bundesbahn.
Im November 2008 kaufte die Stadt Iserlohn das
Bahnhofsgebäude in Letmathe für 110.000 Euro. Zuvor hatte die Deutsche
Bahn AG jahrelang erfolglos versucht einen Käufer zu finden. Die hohen
Sanierungskosten, die auf 1,9 Millionen Euro geschätzt werden, hatten
die wenigen kaufwilligen Interessenten abgeschreckt. Offen bleibt
zunächst die Frage, wie das Bahnhofsgebäude in Zukunft genutzt werden
soll. (Stand: November 2008)
Güterbahnhof – Service-Center
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Das 1983 in Betrieb genommene Servicecenter gegenüber dem Bahnhofsgebäude |
Der Letmather Bahnhof wurde im Jahr 1909 für 1,5
Millionen Mark um einen Güterbahnhof erweitert. In den 1970-er Jahren
war der Stückguttransport der Bahn nicht mehr konkurrenzfähig. Die
Beförderung von Stückgütern wurde zunehmend von der Schiene auf die
Straße verlagert. Zahlreichen Stückgutabfertigungen im Bereich der
Bundesbahndirektion Essen drohte die Stilllegung. Die
Stückgutabfertigung in Letmathe stellte 1976 ihren Betrieb ein. Die
letzten Stückgutbahnhöfe schloss die Bundesbahn 1996 und stellte damit
die Beförderung von Stückgut per Bahn deutschlandweit ein.
Im Jahr 1983 wandelte die Deutsche Bundesbahn den
Letmather Güterbahnhof für 2,5 Millionen DM in ein Service-Center um.
Hauptbestandteil des Service-Centers ist ein 12 m hoher überdachter
Portalkran mit einer Tragkraft von bis zu 40 Tonnen. Mit dem Kran zur
Verladung von Band- und Stabstahl sowie der renovierten 400 qm großen
ehemaligen Stückguthalle, in der Stahlprodukte zwischengelagert werden
können, stellte die Bahn der heimischen Wirtschaft eine moderne und
leistungsfähige Logistikanlage zur Verfügung. Die Transport & Logistik GmbH, eine Tochter der Spedition Hermesmann, kaufte Ende 2010 über die Bahnflächen-Entwicklungsgesellschaft (BEG) von der DB Netz-AG das 7200 Quadratmeter große Gelände des Service-Centers sowie die Ladehalle, den Ladekran und das Anschlussgleis.
Abellio
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Letmather Bahnhof (1995) |
Seit dem 9. Dezember 2007 wird der
Personenverkehr auf der Ruhr-Sieg-Strecke von der im Jahr 2004
gegründeten privaten Bahngesellschaft Abellio betrieben. Nachdem die
Deutsche Bundesbahn im Jahr 2001 die Interregio-Linie 22 von Frankfurt
(Main) Hauptbahnhof über die Ruhr-Sieg-Strecke nach Düsseldorf
gestrichen hatte, wurde von den drei zuständigen Verkehrsverbünden die
neue Eisenbahnlinie der Regional-Express RE 16
Ruhr-Sieg-Express geschaffen. Der Regional-Express RE16 führt vom Essener Hauptbahnhof
über Bochum, Witten, Hagen, Letmathe, Finnentrop nach Siegen. Zusammen
mit den Regionalbahnen „Ruhr-Lenne-Bahn“ (RB 40 von Essen nach Hagen)
und der „Ruhr-Sieg-Bahn“ (RB 91 von Hagen nach Siegen) bilden der
Regional-Express Ruhr-Sieg-Express das Ruhr-Sieg-Netz. Der Betrieb des
Ruhr-Sieg-Netzes wurde 2004 vom Verkehrsverbund Rhein-Ruhr, der
Verkehrsgemeinschaft Ruhr-Lippe und der Verkehrsgemeinschaft
Westfalen-Süd für die Dauer von 12 Jahren (Ende 2007 bis Ende 2019)
ausgeschrieben. Das Essener Unternehmen Abellio Rail NRW, einer Tochtergesellschaft der Abellio GmbH, die seit November 2008 zu 100 Prozent der Niederländischen Eisenbahnen AG gehört, gewann
die Ausschreibung. Abellio befährt seine Strecken mit Zügen der
Modellreihe FLIRT (Flinker Leichter Innovativer Regional-Triebzug) des Schweizer
Unternehmens Stadler Rail. Eine Besonderheit des FLIRT ist die
Fähigkeit, mithilfe einer automatischen Kupplung den Zug in zwei oder
mehrere Segmente aufzuteilen. Angewendet wird diese Technik bei den
Zügen des Ruhr-Sieg-Express (RE 16) und der Ruhr-Sieg-Bahn (RB 91).
Die aus Essen bzw. Hagen kommenden Züge werden in Letmathe geteilt und
fahren weiter in Richtung Iserlohn und Siegen. In der Gegenrichtung
werden die Züge im Bahnhof Letmathe wieder zusammengeführt und fahren
nach Essen (RE16) und Hagen (RB91). Im September 2008 taufte der
Landrat des Märkischen Kreises Aloys Steppuhn im Rahmen des Letmather
Brückenfestes einen Zug der Bahngesellschaft Abellio auf den Namen
Märkischer Kreis. Weitere Personenzüge wurden bereits auf die Namen
Hagen, Essen, Finnentrop, Landkreis Siegen-Wittgenstein und Iserlohn
getauft.
Veröffentlichung mit freundlicher
Genehmigung des Heimatverlags Letmathe.
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