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    Geschichte des Hauses Bachstraße 4

     


    Geschichte des Hauses Bachstraße 4
    Erstes Letmather Krankenhaus von 1873-1884

    Auszüge aus der "Chronik des Hauses Bachstraße 4"
    von Hanna Dornhoff und Patrick Dornhoff (1990)

     

    Haus Bachstraße 4  ca. 1960


    Baujahr 1786

    Das Jahr der Erbauung des Hauses Letmathe, Bachstr. 4, früher Haus Nr. 42, kann nicht mit letzter Sicherheit bestimmt werden, da jegliche Unterlagen über den Bau fehlen. Als Baujahr oder Jahr eines größeren Umbaus kann das Jahr 1786 angenommen werden. In seiner Materialsammlung zur Pfarrchronik führt Pastor Faulhaber für das Jahr 1786 an, daß zahlreiche Häuser neu gebaut, wesentlich vergrößert oder verändert wurden. Er nennt unter anderem die Häuser von Vorhoff (Nachbar links), Dumont (den Hausbesitzer zu Faulhabers Zeit) und Liesenhoff (Nachbar rechts).


    Besitzer des Hauses von
    1786 - 1812
    E. Happe, F. Thies, N. Dumont

    Ältestes Dokument

    Das älteste vorliegende Dokument über das Haus Bachstr. 4 stammt aus napoleonischer Zeit. Es ist datiert vom 10. Juni 1812 und wurde "aufm Haus Letmathe" vor dem Notar Joh. Heinrich Voßwinkel aus Hagen aufgenommen. Der Gastwirt Nicolaus Dumont aus Letmathe zeigt den Besitz des Hauses Nr. 42 an. Er führt aus, daß sein Schwager, der Oberförster Heinrich Friederich Thies von dem Kaufmann Engelbert Happe infolge Konkurses "das dem gedachten Happe zugehörig gewesene hierselbst in Letmathe gelegene Wohnhaus und Nebengebäude, nebst Hausstelle und dabei befindlichem Garten" im Jahr 1803 erworben habe. Für den Hausplatz und Garten zahlte Thies an den Grafen von Brabeck als den Besitzer des Hauses Letmathe jährlich zu Martini einen Grundzins von einem Karolin Gold. Dumont schreibt, daß ihm sein Schwager das Kaufrecht wiederum übertragen habe und er sich daher verpflichte, den Zins von einem Karolin in Gold an die jetzigen Besitzer von Haus Letmathe, die Herren Ebbinghaus und Pütter zu zahlen. Es heißt weiter: "Zu dem gedachten Grunde sey auch noch ein klein Stück Wiesenplatz begriffen, und er sey ferner verpflichtet, den Garten, wodurch die Dorfbache fließe, so weit solche durch oder seinen Erbpachtgrund vorbey fließe, vier Fuß breit und drei Fuß tief im Stande zu halten."

    In dem Dokument wird ein vor der Justiz-Kanzlei zu Limburg geschlossener Kaufbrief vom 29. Juni 1803 erwähnt. Leider ist dieser Kaufbrief bis jetzt nicht auffindbar.

    Das Schriftstück aus dem Jahr 1812 nennt drei Besitzer des Hauses Nr. 42: Engelbert Happe, Friederich Thies und Nicolaus Dumont.

    Engelbert Happe

    Engelbert Happe war verheiratet mit Maria Barbara Froeauf, einer Schwester der Frau des Verwalters Friederich Langerhan von Haus Letmathe, Maria Franziska Langerhan.

    Im Forstextract des "Weihnachtsquartals" 1793 taucht Happe als Empfänger von Eichenholz ("Bau- und Gerätheholz") aus "Sr. Freyherrl. Gnaden, des Herrn Baron von Brabeck Westphälischen Forsten" auf .

    In der Abhandlung "Die Emigranten von Letmathe", die die Flucht, adeliger Offiziere vor der französischen Revolution nach Letmathe zum Gegenstand hat, setzt sich der Kaufmann Engelbert Happe mit seinem Schwager Langerhan, dem Verwalter des Hauses Letmathe, für das Verbleiben von sieben Offizieren ein, die im Haus Letmathe im Dezember 1792 Obdach suchten. Aus einer Eingabe Engelbert Happes: "Erw. Hochwohl- und Wohlgeboren presentier ich untertänig namens meines Schwagers Herrn Rentmeister Langerhan, der eben behindert worden, auf das gestern morgen 10 Uhr durch Pedell Wiemann demselben instruierte Kanzleigebot: nach welchem jede 2 mal 24 Stunden über die Genesung der hier im v. Brabeck Fabrikenhause logierenden Herren Reisende doziert werden soll ...., daß erwähnte Herren gewiß schon den geschärften Befehlen sich gefügt und hiesige Grafschaft verlassen haben würden, wenn ihre kränklichen Zufälle in der traurigen Jahreszeit, fatalen Witterung, schlimmen Wegen nicht bloßerdings unmöglich gemacht hätten."

    Friederich Heinrich Thies

    Friederich Thies wurde am 7. November 1764 geboren. 1796 heiratete er die Pfarrerstochter Ernestine Prößel aus Boffzen an der Weser.

    Friederich Thies übte verschiedene Berufe aus. Er war seit 1794 Oberförster des Grafen von Brabeck. Von Pastor Faulhaber wurde er 1797 als "supremus saluaris" (erster Förster) bezeichnet. 1817 wurde sein Beruf mit Kaufmann angegeben. Bei seinem Tod am 7. November 1829 wurde er von Pastor Faulhaber als Gastwirt bezeichnet.

    Nicolaus Dumont

    Nicolaus Dumont stammte nach den Aufzeichnungen von Pastor Faulhaber aus Brabant und hatte in Diensten des Kaisers Franz von Österreich gestanden, von dem er eine Pension bezog. Ein Bruder des Nicolaus Dumont war vermutlich Peter Basilius Dumont, kaiserlicher Sekretär, der seit Ende 1799 mit seiner Frau Franziska de Wagener in Letmathe wohnte.

    Am 2. Mai 1803 heiratete Nicolaus Dumont die Pfarrerstochter Caroline Prößel aus Boffzen, die eine Schwester der Ehefrau von Friederich Thies war.

    Nicolaus Dumont betrieb einen Handel mit Gastwirtschaft in Letmathe. In einem Abgabenbuch von 1809 wird sein Beruf mit Gastwirt angegeben.

    Eine weitere Erwähnung des Nicolaus Dumont findet sich in einer von Friederich Humpert gt. Schulte erstellten Einwohnerliste der Bauernschaft Letmathe von 1809, wo er als Eigentümer des Hauses Nr. 42 bezeichnet wird.

    Später ist die Familie Dumont in Letmathe nicht mehr nachweisbar und zog vermutlich wieder nach Brabant.
     

     Besitzer des Hauses von 1812 - 1819
    J. Runde, J. Pütter

    Johann Caspar Runde

    Nach 1812 verkaufte Nicolaus Dumont das Haus Nr. 42 an den Schullehrer Johann Caspar Runde aus Elsey. In späteren Verträgen werden Notariatsdokumente vom 21. Mai 1812 und 8. September 1814 genannt, die aber bisher nicht vorliegen.

    Johann Caspar Runde war von 1804 bis 1857 Lehrer an der Elseyer Volksschule. Verheiratet war er mit Anna Helene Lohmann, vermutlich einer Tochter seines Amtsvorgängers Gottfried Wilhelm Lohmann. Ihr einziger Sohn war Friederich Wilhelm Runde.

    Johann Caspar Runde starb 1866.

    Johann Hermann Diederich Pütter

    Am 20. Juni 1816 verkaufte Johann Caspar Runde seine Besitzung in Letmathe an Johann Hermann Diederich Pütter.

    Johann Hermann Diederich Pütter wohnte bereits - laut Einwohnerliste von Friederich Humpert gen. Schulte - im Jahr 1808 in der Bauernschaft Letmathe, im Haus Nr. 26.

    Aus dem Kaufvertrag vom 5. August 1819 zwischen Runde und Pütter: "Erschienen vor der hiesigem Land- und Stadtgerichts-Direktion die der selbigen persönlich bekannten Schullehrer Herr Johann Caspar Runde zu Elsey und der Fingerhutfabrikant Johann Hermann Diederich Pütter zu Letmathe wohnhaft; welche um Aufnahme eines Kaufprotokolls und darfür gerichtliche Bestätigung baten."...." er der Schullehrer Runde hätte das ihm eigenthändig zuständige in dem Dorfe Letmathe Haus No. 42 gelegene sogenannte Dumontsche Wohnhaus nebst Garten und kleinen Nebengebäuden in der nämlichen Art, ...., übergeben".
     

    Besitzer des Hauses von 1819 - 1873
    G. Müller, H. Klemp, F. Sauer

    Georg Müller

    Hermann Diederich Pütter verkaufte am 5. August 1819 die in Letmathe unter Nummer 42 gelegene Besitzung an den Maurermeister Georg Müller aus Iserlohn für 1350 Thaler gem. Courant. Im Verkaufsvertrag mußte er bekennen, daß er die ersten fälligen 600 Thaler an den Schullehrer Runde noch nicht bezahlt hatte.

    Das einzige Kind von Georg Müller und seiner Ehefrau Elisabeth, geborene Kuhlmann, die 1812 geborene Tochter Caroline, heiratete am 1. November 1838 in der evangelisch reformierten Kirche in Elsey den Bäckermeister Johann Heinrich Klemp. Johann Heinrich Klemp wurde am 27. November 1814 als Sohn der Eheleute Hermann Heinrich Klemp und Anna Elisabeth Heumann geboren.

    Am 27. Februar 1840 fertigten die Eheleute Müller ein gerichtliches Testament an, in dem sie ihre Tochter Caroline, welche zu diesem Zeitpunkt zwar verheiratet aber noch kinderlos war, enterbten. Es ist anzunehmen, daß sie, die Katholiken, die evangelische Heirat der Tochter Caroline mit Johann Heinrich Klemp nicht billigten.

    Johann Heinrich Klemp

    Aus der Ehe Heinrich Klemp und Caroline Müller wurde am 24. Oktober 1840 der Sohn Karl geboren.

    Vier Jahre später, am 7. August 1844 starb Caroline Klemp, 32 Jahre alt, an Schwindsucht, ihr Vater Georg Müller starb am 27. November 1844 im Alter von 75 Jahren ebenfalls an Schwindsucht.

    Bereits am 24. Dezember 1844 übertrug die Witwe Müller ihren gesamten Besitz einschließlich zweier Häuser in Iserlohn am Süden-Graben ihrem Schwiegersohn Heinrich Klemp. Heinrich Klemp verpflichtete sich im Gegenzug "die Witwe Müller lebenslänglich, so wie sie es vorher gewohnt war zu verwöhnen und zu verpflegen, ihr in kranken Tagen die nötige Pflege, Medikamente und die ärztliche Pflege zu verabreichen, ihr zur Wohnung die Kammer, welche sie gegenwärtig als Schlafkammer besitzt, lebenslänglich zu belegen und sie nach ihrem gottgefälligen Ableben zu beerdigen."

    Er verpflichtete sich auch, seinem Sohn Karl bei dessen Volljährigkeit 400 Thaler auszuzahlen.

    Heinrich Klemp heiratete am 5.6.1845 in zweiter Ehe Maria Katharina Klemp gt. Elbers aus Wandhofen. Aus dieser Ehe wurde am 11. Mai 1849 die Tochter Elise geboren.

    Haus Bachstraße 2 Baujahr um 1855

    Um das Jahr 1853 baute Bäckermeister Heinrich Klemp ein Nebengebäude, das heutige Haus Bachstr. 2. Über den Bau dieses Hauses kam es zu Streitigkeiten mit dem neuen Besitzer des Liesenhoff'schen Grundstückes, Franz Joseph Bongard . Am 9. Oktober 1853 genehmigte der Fabrikdirektor der Papiermühle in einem Vertrag den Anbau. "Herr Klemp hat ... die ... notierte Scheune jüngst neu erbaut. Herr Bongardt genehmigt diesen Bau, und verspricht hiermit ausdrücklich, den Herrn Klemp wegen des zu nahen Anrückens nach seiner Grenze hin, nie verantwortlich zu machen oder in Anspruch nehmen zu wollen." Das Abkommen hielt fest, daß der Raum zwischen den Häusern von Bongard und Klemp gemeinschaftliches Eigentum war und bezeichnete genau die Lage von Toren und Zäunen.

    "Herr Klemp verpflichtet sich zwischen g. und i. der Zeichnung ein Zäunchen zu setzen, und solches in entsprechendem Zustande zu erhalten. Der bei c. der Zeichnung an der Grenze befindlicheEschenbaum wird von Herrn Klemp fortgenommen."

    Heinrich Klemp starb am 2. Februar 1857. Nach seinem Tod wurde im Rahmen eines Teilungsvertrages eine gerichtliche

    Ausschnitt aus der beigefügten Karte im Vertrag über gemein- schaftliches Eigentum F. Bongard - H. Klemp vom 9. Okt. 1853

    Abschätzung der Immobilien durchgeführt. Nach Abzug der Schulden blieb ein Nachlass von 4396 Thalern. Der Vertrag sah vor, daß die Witwe Klemp ihren beiden Kindern Karl und Elise bei deren Großjährigkeit je 1650 Thaler auszahlte. Dazu sollte der Sohn Karl die beiden Wohnhäuser in Iserlohn im Gesamtwert von 1900 Thalern erhalten.

    Karl Klemp fechtete den Vertrag mit der Begründung an, seine Großeltern hätten ihm in ihrem Testament von 1840 den gesamten Besitz vermacht. Seine Großmutter hätte nicht das Recht gehabt, das Testament nach dem Tode ihres Mannes zu ändern.

    Am 10. Februar 1865 schloss Karl Klemp mit seiner Stiefmutter Maria Catharina geb. Klemp gt. Elbers einen Vergleich. Karl Klemp erhielt 2400 Thaler in bar ausgezahlt sowie die beiden Wohnhäuser in Iserlohn. Außerdem bekam er für seine bevorstehende Verheiratung in beiderseitigem Einverständnis ausgesuchtes Mobilar.

    Karl Klemp heiratete am 22. Februar 1865 Henriette Sauer in der evangelischen Kirche zu Oestrich.

    Im gleichen Jahr starb die Witwe Klemp. Die Besitzung in Letmathe wurde auf die noch minderjährige Tochter Elise umgeschrieben.

    Elise Klemp und Friederich Sauer

    Elise Klemp heiratete 1868 den Metzger Friederich Sauer, der ein Bruder der Ehefrau des Karl Klemp war.

    Metzgermeister Friederich Sauer und seine Frau Elise ließen von Januar 1870 bis April 1872 mehrere Hypotheken in großer Höhe auf den Besitz eintragen. Ende September 1872 erging daraufhin eine Verfügung zur Subhastation (Zwangsversteigerung) der Besitzung. Zwar gelang es, die Versteigerung noch kurzfristig aufzuschieben, doch ersteigerte letztlich der Bauunternehmer F.W. Bewerunge aus Letmathe den Besitz.
     

    Besitzer des Hauses von 1873 - 1884
    F.W. Bewerunge - Krankenhaus

    Friederich Wilhelm Bewerunge

    Bereits in der ersten Hälfte der sechziger Jahre des 19. Jahrhunderts gab es in der damals 2500 Einwohner zählenden Gemeinde Letmathe Bestrebungen, ein Krankenhaus zu errichten. Das Vorhaben wurde 1866 wegen des ausbrechenden Krieges vorläufig aufgegeben.

    Am 18.3.1873 beantragten Dr. med. Carl Georg und der Bauunternehmer Bewerunge beim Königlichen Landrat Overweg die Erteilung einer Konzession zur Errichtung einer Privat-Krankenanstalt mit der Begründung "um den hiesigen Arbeitern sowie auch den beschränkt wohnenden Familien der hiesigen Gemeinde in Krankheitsfällen eine ordnungsgemäße Pflege angedeihen zu lassen."

    Aus einem Brief Overwegs vom 18. März 1873 an die Königliche Regierung in Arnsberg:

    "Der Bau-Unternehmer F. W. Bewerunge zu Letmathe ist im Besitze eines Wohnhauses daselbst, welches augenblicklich eine besondere Bestimmung nicht hat und als die Stätte einer zu gründenden Privat-Krankenanstalt anzusehen ist. Ein zu Letmathe gebildeter Privat-Verein bezweckt die Aufbringung der Mittel für die in diesem Wohnhause zu gründende Privat-Krankenanstalt, welche letztere rücksichtlich der allgemeinen Aufsicht und rücksichtlich der Krankenbehandlung von dem Dr. med. Carl Georg zu Letmathe geleitet bzw. verwaltet werden soll. Der genannte Privat-Verein findet in der Gemeinde Letmathe die vielseitigste Unterstützung, weil er daselbst längst als ein dringendes Bedürfnis anerkannt ist, für die dicht zusammenlebenden Arbeiter-Familien, für die stets sich mehrenden Arbeiter des industriellen Establishments und für die Gemeinde in und bei Letmathe in Krankheitsfällen die Möglichkeit einer ordnungsmäßigen Pflege zu haben. Bei so benannten Umständen haben der Bau-Unternehmer F.W. Bewerunge und der Dr. med. Carl Georg zu Letmathe in der gehorsamst angegebenen Eingabe vom 18.d.M. um die Concession zur Errichtung einer Privat-Krankenanstalt in dem erwähnten Wohnhause gebeten. Letzteres Haus liegt in einer verkehrslosen Dorfstraße, eignet sich durchaus zu den mit der projektierten Anstalt verbundenen wirtschaftlichen Zwecken, soll durch einen entsprechenden Anbau, welcher die eigentliche Kranken-Anstalt zu bilden bestimmt ist, erweitert werden und hat großen Hofraum und Garten. Die Antragsteller, durchaus ehrenwerte Männer, sind in der Verfolgung des Projektes nur von dem Gedanken beseelt, ihrer Gemeinde eine Wohltat zu bereiten, insbesondere sind dieselben in Beziehung auf den von ihnen beabsichtigten Gewerbebetrieb völlig zuverlässig."

    Jedoch erst am 26. März 1873 ersteigerte Bewerunge die Besitzung Sauer in der Bachstraße und beantragte die Umschreibung des Besitztitels auf seinen Namen. Der Liquidationserlös betrug 10317 Reichsthaler, die Summe der Liquidate 10353 Rth., so daß die Sauer'schen Gläubiger nur einen Ausfall von 36 Rth. 23 St. 3 Gr. zu beklagen hatten.

    Anbau des Hauses Bachstraße 4 Baujahr 1873

    Aus einem Brief von Bauunternehmer Bewerunge und Dr. med. Georg vom 19. April 1873 geht hervor, daß die Kranken-Anstalt in der Bachstraße zunächst für 20 Kranke "aller Art und ohne Unterschied der Confessionen" eingerichtet wurde und bei Bedarf erweitert werden sollte. Kranke mit ansteckenden Krankheiten sollten in einem neu errichteten Anbau untergebracht werden, der vom Haupthaus durch eine Tür getrennt gehalten werden konnte. Die Anstalt sollte unterhalten werden durch Krankenpflegegelder, mildtätige Beiträge und Geschenke.

    Der damalige kath. Pius-Männerverein und der Elisabethverein setzten sich besonders für die Errichtung eines Krankenhauses in Letmathe ein. In einer öffentlichen Versammlung wurde ein Komitee gewählt dem u.a. Pfarrer Böckeler, Dr. med. Georg, Dr. med. Droste, Ph. Gunkel, Dietr. Laurenzis, Franz Kreft und F.W. Bewerunge angehörten. Am 6. Juni 1873 trat Bewerunge die ehemalige Besitzung Sauer - Klemp an das Krankenhaus-Komitee ab.

    Bewerunge verkaufte dem Komitee die Besitzung, die ihm nachweislich 15000 Taler gekostet hatte, zum Preis von 12000 Talern. Die Minderforderung von 3000 Talern sollte den ersten Vermögensgrundstock der neuen Anstalt bilden. Der zur Finanzierung des Kaufes notwendige Kapitalzins sollte durch Vermietung des Haupthauses aufgebracht werden. Der Vertrag enthielt eine Klausel, wonach Bewerunge den Besitz z.B. bei Auflösung des Komitees wieder an sich ziehen konnte.

    Krankenhaus

    Dem Kaufvertrag nach bestand die Besitzung des Krankenhauses aus 1 Morgen Gartenland, 2 Gebäuden (eines davon mit neuem Anbau) sowie einem Stallgebäude. Im Haupthaus befanden sich 19 bewohnbare Zimmer und 6 Kellerräume, im ebenfalls unterkellerten, neuen Anbau 2 geräumige Krankensäle.

    Dem Krankenhaus-Komitee wurde die Verpflichtung auferlegt, das Krankenhaus nur von Schwestern eines röm. kath. Ordens leiten zu lassen. Aus einem Brief Bewerunges an den Königl. Landrat Overweg: "... mit der ebenmäßigen Mitteilung, daß bis zur Stunde noch nicht bestimmt ist, welche Pflege-Schwestern das hiesige Krankenhaus bedienen werden, indem mehrere katholische Ordenshäuser wegen der kritischen Zeitverhältnisse die Übernahme der hiesigen Anstalt abgelehnt haben."

    Bis zum 9. Juni 1873 waren zwei Arbeiter des Bauunternehmers Bewerunge die ersten Patienten. Der eine Kranke hieß F. Hellweg, er erlitt beim Herabstürzen vom Baugerüst einen Beinbruch. Frau Bewerunge schenkte das erste Bett und die nötige Ausrüstung. Der andere Kranke hieß Hinterberg, wofür Frau Bewerunge ebenfalls sofort ein Bett beschaffte. Die Kranken wurden von einer Schwester aus dem Orden der Franziskanerinnen, welche aus Altena geholt wurde, betreut.

    Aus dem Protokoll des Elisabethvereins vom 30, August 1873: "Die Anzahl der Kranken im hiesigen Krankenhause ist bis zehn herangewachsen und dieserhalb ist die Vermehrung der Betten ein dringendes Bedürfnis. Es sollen dafür 5 vollständige Betten nebst Bettstellen neu beschafft werden, und ist mit dieser Ausführung die Vorsteherin Frau Bewerunge beauftragt."

    Haus Bachstraße 4 im Jahr 1905

    Bis Mai 1874 waren bereits 5 Franziskanerinnen zur Betreuung der Kranken in und außerhalb des Krankenhauses tätig. Eine Schwester erteilte in der Gemeinde Nähunterricht.

    Aus dem Jahr 1874 ist ein Revisionsbericht des ersten Letmather Krankenhauses erhalten. Aus dem Bericht: "Das Krankenhaus besteht aus einem älteren früher zum Wohnhause benutzten Fachwerk-Gebäude und einem neu erbauten massiven Flügel. Beide Gebäude sind vorschriftsmäßig und in recht gutem baulichen Zustand. In Beziehung auf Reinlichkeit und Ordnung sind keinerlei Ausstattungen zu machen. Die Krankenzimmer und alle übrigen Räume der Anstalt waren in bester Reinlichkeit erhalten. Ebenso der Hofraum und Garten der Anstalt."

    Dem Bericht zufolge befanden sich im Erdgeschoß zwei Krankenzimmer, weitere in der oberen Etage und ein Zimmer zur Absonderung der Krätzekranken im Dachgeschoß. Es gab Einbettzimmer, Zwei- und Dreibettzimmer sowie zwei große Säle mit je 6 Betten. Die Wände der Krankenzimmer waren mit Wasserfarbe gestrichen, die Bodendielen mit Ölanstrich versehen. In jeder Etage befanden sich 2 Aborte.

    Über die Leichenkammer hieß es: "Im besonderen Anbau des Erdgeschosses befindet sich eine Leichenkammer, welche von den Krankenzimmern genügend getrennt liegt, dieselbe wird durch Oberlicht erleuchtet und liegt kühl."

    Zur Pflege der Kranken befand sich im Erdgeschoß ein Badezimmer mit Badewanne. Im Winter konnten die Zimmer mit Steinkohle in eisernen Öfen geheizt werden. Die Luft in den Krankenzimmern wurde von den Revisoren als rein empfunden. Die Kranken wurden gut verpflegt und bekamen genügend frisches Trinkwasser aus dem hauseigenen Brunnen. Abends wurden die Krankenzimmer mit Petroleumlampen beleuchtet.

    Zum Stichtag am 1. Juni 1874 waren 14 von insgesamt 25 Krankenbetten belegt, die von 5 "Wärterinnen" betreut wurden.

    Aus den Statistiken des ersten Letmather Krankenhauses kann man entnehmen, daß die Zahl der Gepflegten im Jahr 1876 57 Personen und im Jahr 1877 70 Personen betrug. Ihren höchsten Stand erreichte sie 1882 mit 91 Kranken, bevor sie im Jahr 1883 wieder auf 57 Personen abnahm.

    Haus Bachstraße 4 um 1950

    Der größere Teil der Kranken litt an äußeren Krankheiten. Ihr Anteil betrug im Jahr 1881: 40 von 68 Personen (1882: 50 von 91, 1883: 32 von 57 Personen). Der hohe Anteil wurde vor allem auf die Unglücksfälle in Fabriken, Brüchen sowie an der Bahn zurückgeführt. Unter den an inneren Krankheiten leidenden Kranken wurden Krätze, Typhus und Schwindsucht gesondert aufgeführt.

    Die Durchschnittszahl der Pflegetage betrug in den Anfangsjahren des Krankenhauses 6 - 7 Tage pro Kopf (1876: 6 Tage, 1877: 8

     Tage, 1878: 7 1/2 Tage, 1879: 7 Tage, stieg aber auf über 35 Tage im Jahr 1882 und auf nahezu 40 Tage im Jahr 1884 an. Der Pflegesatz betrug über mehr als 10 Jahre konstant 1,25 Mk pro Tag. Der behandelnde Anstaltsarzt war zunächst Dr. Droste, ihm folgte Dr. Groos.

    Die ständig zunehmende Zahl der Pflegebedürftigen und Kranken, vor allem die Forderungen der zuständigen Aufsichtsbehörden sowie die Unmöglichkeit der räumlichen Ausdehnung veranlassten schließlich das Krankenhaus-Komitee, einen Neubau zu planen. Zudem war der Inhaber der behördlichen Erlaubnis zur Führung des privaten Krankenhauses, Bauunternehmer Bewerunge, im November 1881 gestorben. So wurden 1883 Vorbereitungen für einen Neubau getroffen.

    Der Bau eines neuen Krankenhauses wurde begründet mit: "Seine Lage zwischen anderen Häusern und in nächster Nachbarschaft von Düngegruben ist möglichst ungünstig, in die Keller dringt häufig Wasser, die Krankenzimmer sind teilweise so niedrig, daß man fürchten muß, mit dem Kopf an die Decke zu stoßen. Dazu fehlt es an einem geeigneten Zimmer für Krätzige, sowie für Geisteskranke."

    Auch das neue Krankenhaus an der Hagener Straße wurde zunächst als privates Krankenhaus gegründet: "Das Spital wird aus Privatmitteln erbaut und unterhalten und ist als ein Privatunternehmen anzusehen."
     

    Besitzer des Hauses von 1884 - bis heute
    Familie Dornhoff

    Dornhoff

     

     

    Kaufvertrag für das Haus Bachstraße 4 von 1884.

    Am 7. Juli 1884 kaufte Carl Dornhoff von der Witwe F.W. Bewerunge für 27000 Mark das Gebäude des ersten Letmather Krankenhauses.

    Carl Dornhoff war von Beruf Gelbgießermeister und hatte am 7. November 1857 Maria Wilhelmine Filthaut aus Hemer geheiratet. Seine Vorfahren stammten aus Ainkhausen bei Oelinghausen. Sie waren Bauern und mußten an das Kloster Oelinghausen Abgaben leisten. Bereits 1536 findet sich in einem Schätzungsregister der Name Dornhoff und ist von da an nachweisbar. Die Vorfahren von Carl Dornhoff kamen über Hemer, wo sie als Papiermacher arbeiteten nach Letmathe. Gelbgießermeister Carl Dornhoff starb am 2. September 1906 in Letmathe. Sein Sohn Carl Richard Heinrich übernahm das Grundvermögen.

    Carl Richard Heinrich Dornhoff führte im elterlichen Haus eine Bäckerei und ein Lebensmittelgeschäft. Nach der Gewerbesteuerrolle Letmathe 1891/92 backte Carl Dornhoff täglich mit einem Gehilfen und mußte jährlich 6 M. 50 Pfg. Steuern zahlen. Für die Jahre 1902 - 1908 ist das Kassenbuch erhalten, aus dem die Geschäftseinahmen und -ausgaben hervorgehen. Eingekauft wurde im heimischen Raum zum Beispiel bei der heute noch existierenden Firma Bommers & Schuchart in Iserlohn, aber auch bei der Firma Maggi in Berlin. Carl Richard Heinrich Dornhoff starb am 16. Januar 1935 im Alter von 71 Jahren, seine Frau Anna am 19. Dezember 1939 im Alter von 79 Jahren.

    Sein Sohn, Albert übernahm das Grundvermögen und führte Bäckerei und Geschäft weiter. Er heiratete am 27. Juli 1931 Maria Schmidt aus Isingheim bei Eslohe. Das Brot lieferte er bis einige Jahre nach dem 2. Weltkrieg mit Pferd und Wagen an die Kunden aus. Einmal kamen Pferd und Wagen ohne Herrn zu Hause an. Während der Bäcker sein Brot verkaufte, war das Pferd schon nach Hause gelaufen.

      Grabstein von Carl Dornhoff und seiner Frau Maria Wilhelmine Filthaut auf dem katholischen Friedhof in Letmathe

    Albert Dornhoff und seine Frau hatten auch die schwierige Zeit nach dem 2.Weltkrieg zu bestehen. Im Geschäft wurde auf Lebensmittelkarten verkauft. Diese Marken wurden auf Papierseiten geklebt und der Stadt eingereicht. In der Bäckerei galt es, gutes Brot aus Maismehl zu backen. Da das Mehl rationiert war, war es nicht leicht, den hungernden Menschen gerecht zu werden. In der Backstube stand ein Königswinter-Backofen. Er wurde mit Holz gefeuert, dann ausgefegt und das Brot hineingeschoben und gebacken. Später folgte ein Dampfbackofen, der mit Kohle beschickt wurde.Im Geschäft und der Bäckerei waren mehrere Angestellte und Gesellen beschäftigt.

    Albert Dornhoff starb im Alter von fast 89 Jahren am 1. Januar 1982 an einem Schlaganfall. Seine Frau Maria wurde 84 Jahre alt. Sie starb am 20. Juli 1984. Bäckerei und Geschäft wurden zu Wohnungen umgebaut. Das Haus ist bis heute im Besitz der Familie Dornhoff.
     

    Hausbeschreibung

    Das Haus Bachstr. 4 in Letmathe ist ein über 200 Jahre altes Fachwerkhaus mit einem steinernen Anbau aus dem Jahr 1873.

    Der Fachwerkbauteil ist durchweg in Eichenständerwerk ausgeführt, das aus waagerechten Riegeln und schrägen Streben auf einem geschlossenen, verzapften Balkenkranz steht. Der Sockel ist aus Bruchstein gemauert. Bis auf einige wenige Bereiche ist das Haus unterkellert. Das Gefache in den Außenwänden ist im Erdgeschoß fast ganz mit Feldbrandziegeln ausgemauert, in der 1. Etage und im Dachgeschoß sind die Gefache häufiger mit Flechtwerk aus Buchenholz und Lehm gefüllt. Die Innenwände sind meist in lehmbeworfenem Flechtwerk erstellt.

    Seit ca. 150 Jahren sind die Straßenseite und eine Schmalseite des Hauses mit Naturschiefer beschlagen. Die Rückseite und Nordquerseite sind seit ca. 50 Jahren verputzt. Die Nordquerseite des Hauses wurde im Jahr 2004 mit Naturschiefer versehen.

    Der zweigeschossige Fachwerkbauteil mit Krüppelwalmdach weist eine Länge von 19 Metern und eine Breite von über 8 Metern auf. Bemerkenswert für ein Fachwerkhaus ist die Raumhöhe: Sie beträgt im Erdgeschoß 2,70 Meter, in der 1. Etage 2,50 Meter sowie im später ausgebauten Dachgeschoß ebenfalls 2,50 Meter.

    1873 erhielt das Haus im Zuge von Umbauarbeiten einen Anbau aus Ziegelmauerwerk. Der zweigeschossige Anbau ergänzt den älteren Hausteil um ein weiteres, sehr breites Treppenhaus sowie um je zwei große Räume auf jeder Ebene. Der Anbau weist eine Länge von 10 Metern und eine Breite von 6 Metern auf.

    In den steineren Anbau wurde ein Backhaus einbezogen. In späteren Jahren (um 1960) wurde das Backhaus bis auf nahezu volle Haushöhe hochgezogen und so weitere Zimmer geschaffen (Verlängerung des Hauses um 2,50 Meter).

    Brunnen im Haus Bachstraße 4

    1911 wurde an den Anbau von 1873 ein Stall und eine Kettenschmiede angebaut. Das Gebäude, das seine Funktion als Schmiedewohl nie wahrnahm, wird heute als Trockenraum genutzt.

    Unter großen Sandsteinplatten im Eingangsbereich zur Hofseite des Hauses befindet sich ein Brunnen, der mit Bruchsteinen ausgemauert ist. Der Brunnen ist seit dem Sommer 1989 wieder zugänglich gemacht. Seine Tiefe beträgt etwa 7 Meter, der Durchmesser 3 Meter. Bis zum Anbau des neueren Hausteiles lag der Brunnen vor dem Haus und war von oben zugänglich. Mit dem Anbau verschwand der Brunnen unter Steinplatten und ist seitdem nur über einen Quereinstieg vom Keller aus erreichbar. Bis ca. 1940 diente er der Wasserversorgung der Häuser Bachstr. 2 und 4.
     

     

     

     

     

    Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Autoren.

     

     
     

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