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    Führers Geburtstag

     




     
    Führers Geburtstag

     von
    Werner Fleischer

    Bevor wir den ersten Jahrestag nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges im Mai hätten feiern können, zeigte der Kalender am 20. April den obigen Tag an. Während des vergangenen Dritten Reiches war das der Tag für Paraden und große Reden gewesen. Viele waren froh, daß diese Zeit endlich vorbei war. Doch einem offenbar Unbelehrbaren gelang in der Nacht zuvor ein Coup besonderer Art und wir erlebten da am Rande der Gemeinde Lössel, vom Emberg aus folgendes Schauspiel:

    Hakenkreuzfahne

    Hakenkreuzfahne

    Als wir morgens nach draußen schauten, kündigte sich ein schöner Frühlingstag an. Der weiße Morgennebel lag in den Tälern. Als dieser sich aber später verzog, trauten wir unseren Augen nicht: über dem Talgrund und dem rauschenden Pillingserbach hing eine große Hakenkreuzfahne. Sie konnte nur an dem obersten Draht der Überlandleitung mittels einer Rolle von einem der beiden Masten Pillingserhöhe oder Haggeney in Bewegung gesetzt worden sein und hing nun in der Mitte. Die Engländer waren in heller Aufregung und versuchten, mit einer kleinen Kanone die Fahne abzuschießen, was aber nicht gelang.
    Das Fahnentuch hing bis zum Mittag ruhig herab, da wenig Windbewegung war. Bis zum Nachmittag wurde es jedoch wärmer und Aufwinde ließen das Tuch hin und her wedeln. Am Nachmittag war es dann schwülwarm und Windböen kamen auf. Jetzt begann das Schauspiel erst recht. Durch Nordostwind rollte die sicher gut geölte Fahnenrolle das Tuch immer höher in Richtung Westen.
    Vorsorglich wurde schon ein Letmather Dachdecker beauftragt, auf den Masten zu klettern und das Tuch herunterzuholen. Zwischen den Windböen rollte die Fahne immer wieder zum Talgrund zurück, bis sie sich endlich durch einen anhaltenden Windstoß im Gestänge des Strommastens verfing und geborgen werden konnte.
    Das weitere Vorgehen der Militärbehörde kann ich nur vom sogenannten Hörensagen niederschreiben, denn die Gerüchteküche brodelte einige Wochen in diesem Gebiet.
    Erst wurden natürlich durch Befragen der Anwohner im Tal versucht, den oder die Täter zu ermitteln. Da das zu keinem Ergebnis führte, sollten Hausräumungen angedacht worden sein als Strafaktion. Die Bewohner sollten zumindest mehr Wohnraum zur Verfügung stellen bei der damals stattfindenden Einweisung von Flüchtlingen.
    Auch anderenorts sollen an diesem Tag Fahnen an auffälligen Stellen ausgerollt worden sein. Aber von solch einem spektakulären Ereignis ist nichts bekannt geworden.

     

    Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors.

     
     

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